Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669949
218 
Viertes Hauptstück. 
vor. Man könnte sich wundern, dass in der ganzen Kunstlitteraitur 
kein ernstlicher Versuch hervortritt, diese Frage in allen ihren 
so überaus wichtigen Folgerungen zu behandeln, da doch in ihr 
der Schlüssel für manches Räthsel in der Kunstlehre und die 
Essenz der meisten Gegensätze und Kontraste, Welchen wir in 
formal-stilistischer Beziehung auf dem Gebiete der Kunstgeschichte 
begegnen, enthalten ist. Doch konnte diess nicht wohl geschehen, 
vor den neuesten Entdeckungen und Forschungen die der allge- 
meinen Lösung dieser ltlragc vorangehen mussten. Diess ist die 
durch Quatremere de Quinc_y' zuerst angeregte und seitdem durch 
eine langjährige fast ununterbrochene Kontroverse zwischen Ge- 
lehrten und Künstlern hindurchgeführte neueste polychrome An- 
schauung der antiken Architektur und Plastik, wonach sie nicht 
mehr nakt, in der Farbe des Stoffs der in Anwendung kam, 
sondern mit einem farbigen Ueberzuge bekleidet erscheint. Diess 
sind die wichtigen Ausgrabungen und Funde auf den verödeten 
Feldern, wo einst die uralten Reiche der Assyrier, Meder und 
Babylonier blühten, diess sind die genaueren Darstellungen und 
Beschreibungen früher bekannter und die wichtigen Entdeckun- 
gen neuer Kunstmomente auf den Gebieten Persiens, Kleinasiens, 
Aegyptens, Cyrenaikas und Afrikas. Diess sind endlich die nicht 
minder wichtigen Forschungen die in den letzten zwanziger 
Jahren sich der mittelalterlichen Kunst, sowohl christlicher wie 
inuselmannischer, zuwendeten. 
Das bedeutendste Resultat dieser neuesten Eroberungen auf 
dem Gebiete der Kunstgeschichte ist der Zusammensturz einer 
verjährten Gelehrtentheorie welche dem Verstehen der antiken 
Fornienwelt unendlich hinderlich war, wonach hellenische Kunst 
als ein dem Boden Griechenlands urheimisches Gewächs betrachtet 
wird, da sie doch nur die herrliche Blüthe, das letzte Bestim- 
mungsziel, der Endbezug eines uralten Bildungsprinzipes ist, 
dessen Wurzeln gleichsam in dem Boden aller Länder, die vor 
Alters -die Sitze gesellschaftlicher Organismen waren, weitver- 
breitet sind und tief haften. 
War diese Ablösung und Lostrennung der klassischen Antike 
von dem grossartigen allgemeinen Bilde, welches die gesammte 
antike Welt gewährt und innerhalb dessen sich die erstere doch 
nur gleichsam als Hauptgruppe hervorhebt, die ihrer Umgebung 
nicht entbehren kann, durch sie erst getragen und in ihrem wahren
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.