Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669916
'l'extile 
Kunst. 
K leiderwese 
215 
an Etwas das weit davon entfernt ist geschiehtstreu zu sein und 
der unabhängigen Handhabung der Draperie nach absoluteln 
Schönheitsgesetz selbstgesxlchte Fesseln auferlegt. Was wäre 
Michelangelo wenn er aus seinen Erzvätern und Propheten Be- 
duinensheiks, aus seinen Sibyllen moderne Jüdinnen aus Da- 
maskus oder Fischerinnen aus Nettuno gemacht hätte! 
Das gesammte Kleiderwesen aller Völker und aller Zeiten 
lässt sich, wenn man die Kopf  und Fussbedeckungen nicht mit- 
reehnet, auf drei Grundformen oder Elemente zurückführen; 
nämlich als ältestes den Schurz, dann das Hemd, drittens den 
Ueberwurf. 
Der Schurz, unter allen Motiven der Kleidung das unbild- 
samste, wurde von den Gräko-italern frühzeitig verlassen, blieb 
aber in Aegypten das heilige Kostüm und fand dort die höchste 
formelle Ausbildung, deren er nach symmetrischen Prinzipien der 
Anordnung fähig ist. Die ursprüngliche nothdürftigc Schamver- 
hüllung konnte dem Schieklichkeitsgefühle nicht genügen, man 
verlängerte den Schurz nach unten und nach oben, gab ihm zu- 
gleich bauschigere Formen. Er wurde, wenn die Verlängerung 
nach unten stattfand, mit einem Hüftgurt gehalten; bei gleich- 
zeitiger Verlängerung nach oben diente ein Tragband über eine 
Schulter oder ein doppeltes 'l'ragband über beide Schultern zum 
Halt des Kleides. Statt der Tragbänder kamen dann Umschlag- 
tüeher auf, deren Spitzen zwischen den Brüsten einen Knoten 
bildeten, der zugleich die Zipfel des Schurzes aufnahm und den 
Halter für letzteren abgab. In dieser veredelten Form tritt uns 
der ägyptische Schurz in den Isisstatuen entgegen und er fand 
selbst in der statuarisehen Kunst der Griechen und Römer Auf- 
nahme und Nachahmung. 1 
"Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, dass unsere europäi- 
„schen Weiberröcke, die, nur bis an die Hüften hinaufreichend, 
„da durch Zusammensehnürung festgehalten werden ,  eine 
"Tracht, die durchaus dem griechischen und römischen Frauen- 
"kostüme widerspricht,  ursprünglich auch aus Aegypten ab- 
„stammen. Den Prototyp der Weiberröcke gibt das Obergewand 
„der Isis." 2 
1 Der Peplos ist eine Art von sehurzähnlichenn Uebcrwurf der Pallas Athene. 
2 Böttigex-"s kleine Schriften, 3. S. 260 Anmerkung.  Winkelmann. 
Storia delle arti. I. p. 98 mit Feafs Note.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.