Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669806
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Hauptstück. 
Viertes 
wolle oder Linnen, der Darstellung einer gewissen Farbe weniger 
günstig sei als ein anderer, z. B. Wolle und Seide; dann sucht 
man durch alle Finessen und Pfiffe der Chemie es dahin zu 
bringen dass diesen Schwierigkeiten der Darstellung zum Trotze 
dennoch die gefärbte Baumwolle oder das gefärbte Linnen, das 
Scharlachroth oder das Orange fast eben so rein und strahlend 
wiedergebe wie diess in Wolle oder Baumwolle möglich ist. 
Kurz der Stil, so weit er von dem Rohstoffe und von der Be- 
stimmung der Waare abhängig ist, wird gar nicht berücksichtigt, 
der Stil hingegen, so weit er die Prozeduren betrifft die in Anwen- 
dung kommen, ist bei dem übersehwängliehen Reiehthum an Mitteln 
und Stoffen womit uns die Chemie und die Mechanik beschenkte 
unbeschränkt, gränzenlos und daher gar keiner. 
Bei alledem können wir gewisse Farben welche die Haus- 
frauen Indiens, Chinas und Kurdistans mit den einfachsten Mitteln 
und ohne alle Kenntnisse der Chemie hervorbringen und deren 
Tiefe, Pracht und undefinirbarer Naturton uns entzücken und in 
Verlegenheit setzen mit aller Anstrengung unseres Wissens und 
Willens nicht wiedergeben. Der Grund davon ist der, dass jenes 
"wirkliche Naturtöne sind die in unsere abstrakten Farbenskalen 
gar nicht hineinpassen und bei denen der gefarbte Rohstoff eben 
so sehr mitwirkte wie das färbende Mittel das in Anwendung 
kam, am meisten aber der natürliche Stilsinn und die Unbefan- 
genheit der Fabrikanten.  
Jene tiefen harmonischen Naturfarben die sämmtlich mit einem 
gemeinsamen Lufttone verbunden sind und von denen keiner 
eine reine Farbenabstraktion ist oder zu sein strebt, wie sie noch 
heute nur der Orient mit seinen antiken Traditionen hervorbringt, 
sind ein Nachklang dessen was wir uns von der ars tingendi der 
Alten vorstellen müssen. Ein Naturhauch verband das gesammte 
Farbensystem der Alten der, sonst indefinirbar, nur Ausdruck 
gewinnt wenn man ihn durch Naturgleichnisse bezeichnet, der 
sofort verschwindet wenn der Natur zu viel Gewalt geschieht 
und sie auf chemischem Wege ersetzt werden soll. Vielleicht 
gelingt diess später einmal, aber bis jetzt ist die Wissenschaft 
noch nicht so weit in die Werkstätte der Natur eingedrungen 
um sie mit ihren Erzeugnissen ersetzen zu können. 
Die Alten färbten ihre Rohstoffe ehe sie gesponnen und son- 
stig verarbeitet wurden, wo diess nicht geschah da wurde das
        

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