Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669761
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Viertes 
Hauptstück. 
zelnen Stoffe und Falle der Anwendung die vorkomnieil und 
sich täglich vermehren, das Moment der freien Behand- 
lu n g festhalten, was aller Handstickerei in Plattstichmanier 
gemeinsam eigenthiimlich ist und sie fast zum Range der freien 
Kunst erhebt. Kraft dieses Stilmoments ist die Handsti- 
ckerei der strengen Symmetrie und dem geometrischen Muster 
nicht unterthänig,  sie soll ihren Stil kundgeben in derNicht- 
beachtung beider innerhalb gewisser Grenzen, in dem 
freien malerischen Arrangement, so weit dieses mit 
anderen Stilbedingungen vertraglich bleibt. 
Je freier die Anordnung ornamentaler Motive ist desto mehr 
tritt die Nothwendigkeit einer nach gewissen höheren Gesetzen 
des Geschmacks geregelten Massenvertheilung und des Gleichge- 
wichts der Formen und der Farben bei ihrem Gebrauche her- 
vor,  und hierbei sind die stofflichen, räumlichen und zweck- 
lichen Daten, die jedesmal der Aufgabe unterliegen, für das 
Wie der Auffassung massgebend. Die Freiheit innerhalb dieser 
Stilschranken ist das Geheimniss der höhern Kunst, die, zwar 
noch sehr gebunden, in der Stickerei zum erstemnale ihre F lügel 
wie zum Aufschwunge in Bewegung setzt. Man kann behaupten 
dass die freie Kunst im Oriente nie über diesen Punkt der Ent- 
faltung hinausging, dass sie sich fortwährend innerhalb der Schran- 
ken des Stickereistils hielt, aber wenn dieses wahr ist so ist da- 
für auch eben so richtig dass nirgend der Geist desselben als 
solcher so vollständig erfasst wurde wie dort und dass desshalb 
die freie Orhamentik der orientalischen namentlich der Qidisghgn 
und fzilriynesqisglren Stickereien, sowohl was ihre Formen als was 
das dabei beobachtete Prinzip der Färbung betrifft, für uns und 
unsere Kunstindustrie ein Vorbild bleibt, an dem wir unsern Ge- 
schmack und unser Stilgefühl zu üben haben. 
Das Rankenwerk und überhaupt die vegetabilischen Motive 
die in ihrer Mannichfaltigkeit sich doch stets wiederholen Ohne 
zu ermüden, sind für den Zweck der freien ornamentalen Stickerei 
die glücklighsten  eine unerschöpfte und unerschöpfiiche Quelle 
der zierlichsten und frischesten Erfindungen  wo aber die 
Kunst über dieselben hinausgeht und Figürliches, Symbolisches 
oder wohl gar Tendenziöses bringt, dort soll sie sich vor allem 
hüten durch symmetrische und periodische Wiederholungen gleicher 
Motive, durch das unfehlbare Breehmittel monotoner Bedeutsam-
        

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