Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669756
Textile 
Kunst. 
Processe. 
Sticken 
199 
ein lockeres Rankenwerk, feine Stege (viae), Maschen u. dergl. 
zukommen. 1  Hätten wir nur noch einige von den koischen 
Gespinnsten, um den ächten Schleierstil an ihnen zu studiren! 
Doch lassen wir dieses und wollen wir lieber mit Hint- 
ansetzung anderer gemischter Stilmomente; die auf dem so 
weiten Felde der Stickerei fast_ so zahllos sind wie die ein- 
1 Es mag am Platze sein hier einen kurzen Auszug aus Redgravds 
öfters citirtem Rapporte zu geben, worin er sich über die Mousselinevorhiinge 
folgendermassen äussert: „Diese Fabrikate sollten selbstverständlich durch- 
"aus flach behandelt werden, seien nun die Verzierungen auf ihnen rein orna- 
„mental oder in Blumenmotiven bestehend. Für die Bordüren sind die symme- 
"trischen Arrangements und die fliessenden Linien am geeignetsten, wobei 
"das Muster weitläufig sein muss, wegen der Leichtigkeit des Stoffes; für die 
"mittlern Theile gilt als einfache Regel die Beniitzung des Diaper oder klei- 
"ner Muschen mit weiten regelmässigen Zwischenräumen zu ihrer Verzierung. 
"Es würde schwer möglich scheinen bei einem Fabrikate das so wenige 
"Variationen zulässt," grosse Irrthümer" der Komposition zu begehen, da der 
"Kontrast der dichten Muster mit dem lockern Grunde die Quelle aller erna- 
"mentalen Form ist und Farbe wenig benützt wird; dennoch sind in der 
"ganzen Ausstellung keine scheusslichern Verstösse gegen den Geschmack zu 
nsehen als gerade an diesen Waaren. An den Schweizer Mousselinen zeigte 
"sich mehr ein Streben darnach seine seltene Geschicklichkeit und Ge- 
Hduld in der Arbeit als Geschmack in der Zeichnung zu zeigen und einige 
"der kostbarsten Produkte sind in einem Stile gehalten der sich gar nicht 
"schlechter denken lässt; immense Füllhörner welche Früchte, und Blumen 
"ausstreuen, Palinbäumc und selbst Häuser und Landschaften sind als Orna- 
"ment benützt. Wo das Muster nur aus Blumen besteht sind sie imitatorisch 
"und perspektivisch behandelt, die Blalten der Blätter und selbst zuweilen wirk- 
"liche Reliefs (der Früchte u. dgl.) kommen vor. Obgleich dieselben Fehler 
"in den englischen Manufakturen nichts seltenes sind so neigen sich diese 
"doch im Ganzen zum Bessern,  aber im Allgemeinen ist der Mangel an 
"Geschmack in dieser Klasse der Industrie höchst hetriibeixd."  Also schlim- 
mer als die Engländer, das ist stark! Ich stimme zwar im Allgemeinen mit 
diesem Endurtheile über die Leistungen der modernen Stickerkunst überein theile 
aber nicht in Allem die Ansicht des Verfassers über die Einfachheit der Grund- 
sätze des Stils die dabei in Betracht kommen. Ich finde z. B. dass die Griisse der 
Vorhänge und deren Bestimmung als Möbelbehang auf den Charakter der 
Muster einwirken, die dieser Bedingung und gleichzeitig den Bedingungen 
die der zarte durchsichtige Stoff vorschreibt und die jener scheinbar wider- 
streben entsprechen sollen. Die feinen Muschen wären daher hier schwerlich 
stilgerecht, ebensowenig wie eine gar zu regelmässige Diaperverzierung hier 
gewünscht werden darf da sie fiir die Freihandstickerei in Plattstichmanier 
durchaus nicht charakteristisch ist sondern mehr den gewebten und gedruck- 
ten Stoffen, wohl auch den Stickereien in Kreuzstichmanier entspricht. Doch 
darüber das YVeitcre im 'l'cxtc.
        

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