Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669718
Text? 
Kunst. 
Prozesse. 
Sticken 
195 
Durch (lichtes Ncbeneinanderlcgen und durch das Doppeln 
der Fäden, ferner durch Unterlagen die von den Fäden über- 
sponnen werden erlangt man mehr oder weniger reliefartig her- 
vortretende Dessins,  eine Praxis, die sehr früh eingeführt 
wurde und von deren Einfluss auf die Reliefkunst im Allgemeinen 
später die Rede sein wird. Der Stil dieser Praxis ist gleichsam 
ein lincarischer, im Gegensatz zu dem Punktirstil der noch 
zu besprechenden zweiten Proeedur. Er ist zugleich ein freier 
in dem Sinne als die Textur des Grundes nicht unmittelbar he- 
dingend auf den zu beobachtenden Stil einwirkt, wie diess der 
Fall ist bei der Kreuzstichmaniöer. Auf diesen Unterschied und 
die dennoch zu beobachtende Rücksicht auf die Grundfläche bei 
Plattstiekereien komme ich zurück, nachdem über die Kreuzstich- 
manier das Nöthigste gesagt sein wird. Wahrscheinlich wegen 
der ursprünglichen Anwendung der Federn für die Plattstickerei 
heisst sie bei den Lateinern opus plumarium, arabisch rekhameh, 
wovon das italienische ricami. 1  
Der Kreuzstich ist ein Ausfüllen von kleinen Quadraten, die 
auf einer Fläche (meistens durch die Textur eines Gewebes) vor- 
gezeichnet sind und dasjenige bilden was man das Netz oder den 
Kanevas nennt. Er ist daher jedenfalls erst nach oder mit der 
Eründung der einfachsten Gewebe aufgekommen und konnte bei 
Fellen, Baumrinden und sonstigen Tegumenten die die Natur 
liefert noch keine Anwendung finden, weil ihnen das Netzwerk 
fehlt, oder weil sie vielmehr aus ganz unregelmässigem und dich- 
tem Netzwerke bestehen. 
Die Kreuzstickerei ist verglichen mit dem Plattstiche gebun- 
dener und von Ursprung auf geometrische Formen angewiesen, 
die noch ausserdem aus keinen andern Elementen als quadrati- 
schen hervorgehen können und daher alle einen gemeinsamen 
kontrepunktiseheif Schlüssel haben, der die Beobachtung eines 
bestimmten Kanons der Komposition aufnöthigt. Sie ist nicht zu 
rcliefartiger Behandlung ihrer Aufgaben geeignet.  
Hieraus ergibt sich von selbst als Stilgegensatz zwischen 
beiden der 0 rnamentale Charakter der Kreuzstickerei und die 
Unzertrennlichkeit der Methode des Plattstickens von der Aus- 
führung argumentirter Sujets; zwar lassen sich diese in ge- 
wissem Grade auch auf dem Kanevas durch Kreuzstielie herstellen, 
l Seueea Ep. 9. Avium plumae in usum vcstis eonseruntur.
        

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