Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669491
'l'extile 
Kunst. 
Stoffe. 
Seide. 
173 
Wendung so schwerer Stoffe, die jenen liturgischen Gewändern der 
Priestersehaft besondere Würde verliehen. Vielleicht kam man 
auch übergänglich zu der Eriindung des Sammtscherens, indem 
das Mustern der älteren plüschartigen Zeuge, aus deren lang- 
haarigein Fliese man Ornamente ausschnitt, dahin führte, sie 
gänzlich zu scheren.  
Die grüne Farbe scheint dabei die beliebteste gewesen zu 
sein und wirklich ist sie diejenige, welche die Natur am häufig- 
sten ihren Sammtgebilden, dem Grase, den Blättern und Früchten 
gewisser Pflanzen, freilich neben vielen anderen Farben, wie 
Braunroth, Quittengelb, Purpur, Pflaurnenblau zutheilt; man wird 
an allen diesen Naturvelouren eine eigenthümliche Farbenmi- 
schung wahrnehmen, die sorgfältig studirt und von dem denken- 
den Manufakturisten nicht minder als von dem Maler beherzigt 
werden muss. Vorzüglich wichtig ist die Beobachtung wie die 
Natur mit ihren velutirten Oberliachen andere atlasschillernde, 
nach ganz entgegengesetztern .Prinzipe kolorirte Erscheinungen in 
Kontrast setzt. Wie auf dem Sammtteppiche des frischen Rasen 
die Atlasblumen des Frühlings sich abheben, so darf das Grün 
die Hauptfarbe des meistens zum Grunde einer reichen Stickerei 
oder seines glänzeiideren Seidenstofics dienenden Sammtes bilden. 
Was dem Sammte seine ihm eigenthümliche Pracht verleiht, 
ist, neben der Fülle und Grösse seines gerundeten Faltenwurts, 
die durch letztern hervorgebrachte gleichzeitige Wirkung des 
atlasartigeh Schillers der seitwärts betrachteten Theile, neben der 
tiefsatten aber glanzlosen Farbengluth derjenigen Parthieen, auf 
welche der Blick vertikal gerichtet ist.'  
Dem grösseren und runderen Faltenwurfe soll und muss ein 
Prinzip der Ornamentation entsprechen, das von dem bei andren 
Stoffen gültigen durchaus verschieden ist, und dieses Prinzip muss 
zugleich die obenbeschriebene Beschaffenheit der Oberfläche be- 
' Eben diese Eigenschaften gestatten bei Sammt die Anwendung dunkelster 
Farben, denn es bilden sich immer Parthieen auf der Oberfläche, die das 
Dunkel der Lokalfarbe noch bei weifem übersteigen und sie relativ hell oder 
farbig erscheinen lassen. Diese Tiefe die der Sammt gestattet," solkman be- 
nützen. Mir hat heller, wohl gar Weisser Sammt immer einen krankhaften 
Eindruck gemacht, als sähe ich vveisse Neger oder Kakerlaken. Doch k0m111t 
hierbei vieles auf dasjenige an, was mii-wirkend den Effekt bestimmt. Eine 
jede Dissonanz kann an gehöriger Stelle und gehörig aufgelöst ein Meister- 
griff sein. 
        

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