Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667427
iDie Gegenwart hat nicht Musse noch Zeit sich in die ihr quasi 
aufgedrungenen Wohlthaten hineinzuleben, was zu einer künstlerischen 
 Bemeisterung dieser Gaben unbedingt nothwendig ist; die Praxis und 
 die industrielle Spekulation, als Mittlerinnen zwischen der Konsumtion 
und der Erfindung, erhalten diese zu beliebiger Verwerthung ausge- 
liefert, ohne dass durch tausendjährigen Volksgebrauch sich vorher ein 
eigner Stil für sie ausbilden konnte; und es bedarf eines bei weitem 
grösseren künstlerischen Taktes als derjenige ist den man im Allge- 
meinen bei unseren Industriellen findet um auch ohne die Vermitt- 
lung der Zeit für alles das Neue was sich drängt die richtige Kunstform 
sofort zutreffen, dasjenige Gepräge nämlich, wodurch das freie Menschen- 
wcrk als Naturnothwendigkeit erscheint, der allgemein verstandene und 
empfundene formale Ausdruck einer Idee wird. 
Zwar ist die Spekulation bemüht, so wie sie von der wissenschaft- 
lichen Intelligenz ihre technischen Mittel borgt, eben so auch die bilden- 
den Künste sich dienstbar zu machen, aber sie hat die bei so grossar- 
tigem Wirken wie das ihrige allerdings nothwendige Theilung der Arbeit 
auf eine dem erstrebten Erfolge dieser Auskunft höchst ungünstige Weise 
bewerkstelligt. Sie trennt z. B. das sogenannt Ornamentale von dem 
Formell-Technischen auf eine rein mechanische Weise, die das Nichtfüh- 
len und Nichterkennen der wahren Beziehungen zwischen den verschie- 
denen Funktionen, durch welche der Künstler sein Werk zu Stande 
bringt, sofort verrath. 
Eine grosse Anzahl zum Theil begabter Künstler arbeitet mit fester 
Anstellung für die englische und französische Industrie; und zwar in 
doppelter Dienstbarkeit; des Brodherrn einerseits, der sie als ziemlich 
lästige Geschmacksräthe und Formenverzierer nicht für ebenbürtig er- 
kennt, selten gut belohnt; der Mode des Tages andrerseits, die den 
Absatz der Waare garantiren muss, wovon doch am Finde alles abhängt, 
Zweck und Existenz der industriellen Anstalt. 
S0 bleibt die Initiative in der industriellen Produktion dem Künst- 
ler durchaus fern; dieser tritt vielmehr nur als Rubrik unter den Specia- 
litäten auf die der Fabrikherr beschäftigt, ungefähr wie die Bereitung 
der Thonmasse einen besonderen Kneter erfordert, oder wie die Leitung 
der Oefen einem Oberheizer übergeben ist, der seine Anzahl von Unter- 
heizern unter sich hat. Nur mit dem Unterschied dass der Fabrikherr 
letztem meistens freie Hand lässt, weil er die Unzulänglichkeit seiner 
eignen technischen Kenntnisse fühlt, wogegen jeder Esel etwas von der 
Kunst verstehen will. Angaben des Künstlers werden ohne Bedenken 
kritisirt, verfälscht und verstümmelt, wo sie dem Geschmacks des Fabrik- 
herrn nicht zusagen oder irgend ein Werkführer Bedenken wegen der
        

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