Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669274
Textile Kunst. 
Stoffe. 
Seidef 
151 
thend, aber darin ganz von jenen atlasglänzenden Seidenproduk- 
ten verschieden, dass der eigentliche Seidenstil noch gar nicht 
deutlich an ihnen hervortritt, sind einige wenige sehr merkwür- 
dige Ueberreste von Zeugen, bei denen Seide verwandt wurde, 
die ihrem Charakter und dem Habitus der darauf dargestellten 
ornamentalen und historischen Gegenstände nach zu schliessen, 
griechische oder römische Arbeit sind und aus den früheren 
Jahrhunderten des Christenthums stammen. Weniges davon ist 
veröffentlicht worden, weil sich die christliche Archäologie mit 
besonderer Vorliebe auf das Studium einer anderen Kunstrich- 
tung wirft, als diejenige ist, deren letzte Reminiseenz sich 
hier ausspricht, obschon sich gewiss noch manches kostbare Stück 
der genannten Art in den Reliquiarien der Kirchen erhalten hat. 
Ein interessantes sehr altes Gewebe, den sogenannten Schleier 
der heiligen Jungfrau zu Chartres, hat Villemin in seinem be- 
kannten Werke veröffentlicht, andere ähnliche erinnere ich mich 
hie und da auf meinen Reisen gesehen zu haben. 
Die erwähnte Reliquie ward urkundlich von Karl dem Grossen 
der Kathedrale von Chartres verehrt, muss also schon damals 
wenigstens das Ansehen eines sehr ehrwürdigen Alters gehabt 
haben. Sie besteht aus feinem Stoff aus Linnen oder Baumwolle 
von gelblieher Farbe (wahrscheinlich der Farbe des Rohstoffs), 
und bildet eine Schärpe von 6 Fuss Länge und ungefähr 18 Zoll 
Breite. An beiden Enden befindet sich ein breiter Bert, der aus 
vielen der Quere nach eingewebten schmaleren und breiteren 
Streifen besteht, deren Farben violett, schwarzblau und grün 
sind. 4 Am äussersten Ende ist der Stoff violett befranst. Der 
helle Grund ist regehnässig gemuscht, durch eingewebte Musehen 
derselben Farbe, Vögel und Rosetten darstellend, desgleichen in 
den Zwischenräumen der Streifen. Auf diesen aber sind bunt- 
farbige Stickereien aus Seide angebracht; der breiteste Streifen 
bildet einen Fries von Löwen und palmettenartigen Pilanzenver- 
zierungen, die miteinander abwechseln. Der Stil -dieser gesticktem 
Verzierungen nebst jener, die eingewebt sind, orientalisirt, aber 
erinnert zugleich lebhaft an die antike Kunst, namentlich gilt 
' Diese Streifen hiessen bei den Griechen ürfparoz, bei den Römern viae oder 
trabes; und bildeten neben den Musehen oder Flittern (uäylgoz clavi), die 
Zierde der koischen Gewänder: llla gerat vestes tenues quas fnmina Coa 
Texuit auratas disposuitque vias. (Tibull II. 3. 54.) Siehe auchDemocritus apud 
Athenaeum. 1. e.
        

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