Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669266
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zrtes 
Hauptstück. 
schwere und dichte Stoff, dessen steifer und eckiger Faltenwurf 
gegen das hellenischc Prinzip der Bekleidung sich auflehnte, war 
ihnen unmittelbar nicht geniessbar, sie schufen aus ihm ein Neues, 
benützten die Festigkeit des Seidenfadens, verbunden mit dessen 
Glanze, um ein feines, metallschimmerndes Strameigewebe daraus 
zu schaffen. 
So machten es die Hellenen mit vielen anderen fremden Ueber- 
kommnissen,   man möchte in diesem Beispiele ein inbegriff- 
liches Bild der gesammten Kunst und Gesittung der Hellenen er- 
kennen:  auch sie ist sekundäre Schöpfung; nicht der Stoff, 
wohl aber die Idee ist neu, die den alten Stoff belebt. 
Erst langsam und nie ganz, bis zu der byzantinischen Zeit, 
konnte sich das Alterthnm an den Stil der Seidenindustrie ge- 
wöhnen und ihn ganz in sich aufnehmen. Der Grieche musste 
Barbar, er musste erst Chinese werden, (welches zur Zeit des 
Justinian und unter den ihm nachfolgenden Kaisern geschah) be- 
vor der Seide auf europäischem Boden ihr Recht wurde, ehe der 
Seidenwurm sich hier ganz einbürgcrn konnte. Zur selben Zeit, 
erst unter den Sassaniden, scheint der Seidenstil auch. im Orient 
nämlich in den Ländern, die einst der Sitz der uralten, westasia- 
tisehen Civilisation waren, in Persien, Mesopotamien und Klein- 
asien tiefere Wurzel gefasst zu haben; diGSS erkennt man an 
den bekannten baroken Reiteriiguren der Sassanidisehen Herrscher 
bei Persepolis, und sonst an Felsen in Persien, deren knittriges, Hat- 
terndes Kostüm offenbar aus Seidenstoffen besteht, während an den 
altpersischen Figuren, die unfern von ihnen in den Felsen gehauen 
sind, sich der Faltcnwurf der wollenen Stoffe unzweifelhaft kundgibt. 
Die Gewandung jener merkwürdigen Königsfigurcn beweist, 
dass der Stoff, den der Bildhauer mit charakteristischer Sorgfalt 
in seinen Eigenthümlichkeiten nachzubildcn bemüht war, ein 
dünner Taffent oder Atlas oder etwas Aehnliches gewesen sein 
musste. Das Seidcnzeug, welches hier zweifelsohne dargestellt 
ist, erinnert an die leichten indischen Stoffe, wie sie noch jetzt in 
diesem Lande im Gegensatze zu den chinesischen, japanesischen 
und anderen orientalischen schweren Seidengeweben vorzugsweise 
producirt werden, und ward sehr wahrscheinlicherweise auch von 
Indien aus bezogen. 
Gleichfalls durch die Leichtigkeit des Stoffes eine gewisse all- 
gemeine Stilverwandtschaft mit Indiens zarten Fabrikaten verra-
        

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