Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669238
Textile Kunst. 
Stoffe. 
Seide 
147V 
Seidenstoffe bei den Chinesen bis in das 26. Jahrhundert vor 
unserer Zeitrechnung aus Urkunden nachweislich. 
Von ihnen erst erlernten die Inder den Seidenbau, nachdem 
sie wahrscheinlich lange Zeit hindurch "die köstlichen serischen 
Stoffe aus China durch den Handel bezogen hatten. Seidene 
Kleider sind in dem Ramajana festliche Kleider, für Fürsten- 
(Arazzis) das Prinzip der Renaissance, der Einfluss der höheren Kunst (der 
Malerei) auf die Kleinkunst des Weberstuhles bereits zu erkennen. 
Im Laufe dieser Periode behalten die Stoffe ,von Jenseit des Meeres," so 
wie die maurischen Spaniens neben den europäischen Fabrikaten, noch immer 
ihren alten Rang, wenn schon in steter Abnahme begriffen. Das reingeorne- 
trisohe Muster, ähnlich den blumendurchwirkten Bandgredechten auf den Ge- 
täfeln der Alhambra, neben dem Damastmuster, bezeichnet diese späteren 
maurischen lürbrikate. 
Die italienische Manufaktur findet zu Ende dieser Periode gefährliche 
Konkurrenten in den Fabrikstädten, die nach und nach im Westen unter dem 
kunstfertigen EinHusse herangezogener italienischer Auswanderer emporbliihen; 
Lyon, Tours, Vitre in Bretagne. Später (16. Jahrh.) Montpellier, Orleans, Paris. 
 Frühe Etablissements zu Brügge, Gent, Mechcln, Ypern, schon im 13. 
Jahrhundert gegründet, besonders berühmt durch die Satins und SammtstoHe, 
die dort bereitet wurden. 
Die fünfte Periode bereitet sieh mit dem Anfange des 15. Jahrhunderts vor. 
Die Kleinkünste, unter ihnen die textilen Künste, folgen der herrschend wer- 
denden Richtung und zeigen in dem Prinzipe der Ornamentation ein freies Wie- 
deranschliessen an die verlassenen Traditionen der indogermanisclnen (gräkoitali- 
sehen) Kunst, mit Verleugnung tausendjährigen barbarischer Einflüsse des Ostens. 
Mehr noch bewährt sich der neu erwachte Sinn fiirHarmonie und die bessere Rich- 
tung des Geschmacks in dem Kleiderwesen und den Draperien durch die Unter. 
ordnung dieser letzteren unter dasjenige, dem sie dienend sich anschliesseu, durch 
minder schreiende Farben und Vermeiden des Bunten.  Vorherrschen der eintöni- 
gen Stoffe, des Weissen, Braunen, Violetten, Schwarzen, überhaupt des Dunkel- 
farbigen mit Goldverzierungen; wohlberechnetes Verhältniss des Musters zu dem 
Bekleideten in Form und Farbe. Absichtliches Vermeiden des Bedentungsvol- 
len (Symbolischen) in den Mustern, das allerdings in der Zeit der Spät- 
rennaissance, als der freie, kecke und phantasiereiche Geist des 15. und 116. 
Jahrh. nachliess und ein kalter klassischer Schematismus dafür an die Stelle 
trat, eine gewisse Leerheit in den Formen dieser letzteren nach sich Zieht- 
Wahrer Damaststil auf den Bildern von Paul Veronese. Wahrer Stiekerejstil 
auf denen des Raphael. Wahrer Sammtstil auf denen des Titian. Woh1ver- 
standener Seidenstil selbst noch im Zeitalter Ludwigs XIV. Das Verkümmern 
der liturgischen Gewänder in dieser Periode ein unbewusster aber gesunder 
Protest gegen den Assyrismus derselben. Die grossartigen historiirten'l'apeten, 
das Höchsterreichbare des Webstuhls, gehören der Frühzeit dieser Periode 
an und sind Produkte der erhabensten Kunstentwicklung. Warum also dieselben 
gegen die früheren Verschrobenheiten zurückstellen?
        

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