Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667404
VIII 
ficirten Kleinkünste der Einiluss unserer gegenwärtigen Volkserziehung 
und die Tendenz des Jahrhunderts am empfindlichsten trifft, und zur 
beabsichtigten Hebung des Kunstsinnes im Allgemeinen, und mit ihr der 
Kunst, nichts mehr noththut als gerade auf dem Gebiete der tech- 
nischen Künste diesen Gewalten entgegen zu wirken. Denn es ist nicht 
zu bezweifeln dass die Kunst, inmitten eines grossartigen Strudels von 
Verhältnissen, ihr Steuer, ihren Kurs, und zugleich, was das 
Schlimmste ist, ihre Triebkraft verloren hat. Hierauf zurückzukommen 
wird es zwar im Verlaufe der Schrift nicht an Gelegenheit fehlen, doch 
möge gestattet sein, weil das Vorausgesehickte über die allgemeine 
Tendenz derselben bereits genügende Auskunft gibt, und der in ihr be- 
folgte Plan in der Einleitung dazu enthalten ist, dieses Vorwort mit eini- 
gen auf das soeben Angedeutete bezüglichen Betrachtungen zu schliessen. 
Während der Zeit in welcher sich die Völker auf dem Standpunkte 
der künstlerischen Bildung befinden (den unsere Philosophen als über- 
wunden ansehen) ist die eigentliche Volkserziehung idealistisch, 
jetzt ist sie von Grund aus das Gegentheil, nämlich realistisch;  die 
exakten Wissenschaften haben die Leitung "derselben übernommen. Be- 
sonders für die werkthätigen Klassen, und diejenigen die sich den 
Künsten widmen, geht der Unterricht planmässig nicht mehr auf die 
Bildung Kdes Menschen als solchen sondern auf das unmittelbare Er- 
zielen von Fachmenschen hinaus, welches System schon beim 
frühen Schulunterrichte in Kraft tritt. Dasselbe ist gleich- 
bedeutend mit der grundsätzlichen Ertödtung eben desjenigen Organs, das 
bei dem Kunstempiinden, und in gleichem Masse bei dem Kunsthervor- 
bringen, sich bethätigt, ich meine den Sinn und den rein menschlich- 
idealen Trieb des sich selbst Zweck seienden Schaffens und die_ 
dem Künstler sowie dem Kunstempfanglichen unentbehrliche Gabe un- 
mittelbaren anschauenden Denkens? 
 Zum Glück sind die Realschulcn mit ihren Ausläufern, den tech- 
nischen Anstalten ete., die alle noch nicht langen Bestand haben, noch 
nicht mit ihren eigenen Grundsätzen im Reinen, und treten die Folgen 
des Prinzips der rein realistischen Vorerziehung auf eine Weise hervor, die 
eine nochmalige Revision des Unterrichtswesens in baldige Aussicht stellt. 
So z. B. müssen die Schüler der technischen Anstalten, wenn sie aus den Real- 
schulen herauskommen, einen grossen Theil ihrer ohnediess unnöthigerweise 
eng vorgezeichneten Studienzeit auf 7  Voiwissenschaften verwenden, die 
1 Ein Ausdruck Rumohr's zur Bezeichnung derjenigen unabhängigen 
Thätigkeit (195 Geistes vermüge welcher ohne die Vermittlung der Kritik des 
Verstandes die volle Auffassung und Insichaufnahme des Schönen und das 
SchaHen in deriKunst möglich wird.
        

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