Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669124
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Viertes 
Hauptstück. 
welches bei den Alten unter dem Namen der sindones-byssinae 
so berüämt war. Die Inder verstehen es noch jetzt, mit den 
einfachsten Mitteln und Instrumenten, die wahrscheinlich seit den 
ältesten Zeiten unverändert dieselben blieben, so feine Mousseline 
zu weben, dass man ein Stück von 25 und mehr Ellen in eine 
gevwäähnliche Sehnupftabaeksdese packen kann. In Europa ist die 
Bereitung dieser feinen Baumwollenstofife nicht alt. Seitdem er- 
setzen die Englischen, Französischen und Schweizer Mousseline, 
Jakoniiets, Zephirs, Vapeurs und Tülle zum Theil die ähnlichen 
Indischen Fabrikate, aber ermangeln meistens des ächten Stiles, 
der ihre Vorbilder auszeichnet und eine Ueberlieferung der ältesten 
Zeiten ist. 
Ein gleichfalls aus dem ächten Baumwollstil hervorgegangener 
orientalischer Stoff ist der Nanking, ein leinwandartiges Gewebe, 
das dem ägyptischen Mumicntuche sehr ähnlich ist. Die gelbliche 
Farbe dieses Stoffes war ursprünglich die Naturfarbe der gelben 
Baumwolle, die zu der Bereitung desselben verwandt wurde, je- 
doch sind die meisten Nankings, selbst die Chinesischen, heutzu- 
tage in dem Faden gefärbt. 1 
Das der Baumwolle eigenthiimliehstc Produkt aber ist der 
Kattun, dessen linnenartiges Gewebe sich vornehmlich dazu eignet, 
aufgedruckte Muster von allerlei Farben aufzunehmen, eine uralte 
technische Proeedilr, von welcher weiter unten beim Färben das 
Weitere folgen Wird. 
Im Ganzen wird die Baumwolle zu eigentlichen Kunstgeweben, 
das heisst zu solchen Zeugen, deren Oberfläche durch eine kunst- 
volle und geregelte Abwechslung und Verflechtung der Fäden 
gemustert und geziert erscheint, nicht viel verwandt, weil ihr der 
damaseinirende Glanz des Flachses fehlt und dergleichen gewebte 
Muster daher nicht hervortreten würden. Die Tugend der Baum- 
wolle liegt gerade in der umgekehrten Eigenschaft, in der Matt- 
heit der Oberfläche, die in den Mousselinen sehr glücklich be- 
nützt wird. 
1 Aus einer Stelle im Philnstratus (Vit. Apoll. II. p. 71) möchte man 
schliessen, dass dieser Nanking; den Alten bekannt und einer der Stoffe gewesen 
sei, die den so unbestimmten Namen Byssos führten. An jener Stelle 
heisst es: Man sagt, der Byssos wachse auf einer Art Pappelbaum mit weiden- 
ähnlichen Blättern. Apollonius sagt, er habe einen Byssosanzug getragen, der 
einem gelben Philosophenmantel (tQißcovz) geglichen habe.
        

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