Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669071
Kunst. 
Textile 
Stoffe. 
Flachs. 
131 
gleichen wurden die Netze aus Hanf und Linnen zum Fangen der 
Fische und bei Jagden benützt, um das Wild damit zu umstellen 
und selbst die mächtigsten reissenden Thiere am Durehbruche zu 
verhindern. Plinius behauptet, es habe zu seiner Zeit Linnen- 
netze von so grosser Feinheit gegeben, dass man sie mit Einschluss 
der laufenden Knoten an ihren Säumen habe durch einen Finger- 
ring ziehen können, und dass davon ein Mann so viel tragen 
konnte, um damit einen ganzen Wald zu umstellen. Diese Anek- 
dote führt uns auf das andere Extrem der textilen Kunst, auf 
welchem wir wieder demselben Faserstoffe gleichsam als dem Non 
plus ultra begegnen, nämlich auf das Erzeugniss der allerfeinsten 
und doch zugleich haltbarsten und dauerhaftesten F äden und Zeuge. 
In diesem Sinne steht unser Stoff selbst der Seide nicht nach, 
und wurde derselbe schon in den frühesten Zeiten ausgebeutet. 
Die besonderen Eigenschaften der linnenen Stoffe, bei grösst-mög- 
lichster Feinheit und Weiche eine gewisse Federkraft zu behalten, 
sich waschen, und im feuchten Zustande durch steifende Mittel 
(Gummi oder Amidon) in zierliche symmetrische Falten legen zu 
lassen, wurde frühzeitig erkannt, und, wie denn der Sinn für 
Strenge des Stils, Symmetrie und überhaupt das Gekünstelte vor 
der freien mehr naturalistischen Schönheitsidee erwachte und in 
allen menschlichen Kunstbestrebungen zuerst Befriedigung suchte, 
so wurde die feingefältete ngewebte Luft" oder der "gewebte Nebel", 
wie diese zartesten Linnenzeuge des hohen Alterthums genannt wur- 
den, das beliebte Unterkleid der Reichen und Vornehmen, das auch 
später zum Theil sein Ansehen behielt und durch den Archaismus 
der Religion als hieratisches Gewand geheiligt wurde, so dass nur 
den Göttern und ihren Repräsentanten auf Erden, den Priestern 
und Herrschern das Tragen derselben gestattet blieb. Dass diese 
"Sindones" ursprünglich linnene Gewänder Waren, lässt sich daraus 
abnehmen, dass Herodot die feinen Stoffe aus Baumwolle, deren 
Kultur sich sehr frühe von Indien aus über die Länder der bei- 
den Thäler des Euphrat und des Nil, sowie über ganz Westasien 
verbreitet hatte, Sindonen aus Byssus nennt, um sie von den ähn- 
lichen Wahrscheinlich ursprünglicheren Stoffen aus Linnen zu un- 
terscheiden. Herodot sagt auch, dass die ägyptischen Priester 
nur ein einziges Kleid aus Linnen und Sandalen aus Byblos tra- 
gen durften, welches aber nicht mit anderen Nachrichten über die 
priesterlichen Trachten Aegyptens übereinstimmt, so dass anzu-
        

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