Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1669004
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Viertes 
Hauptstück. 
gehen von Seiten des Chinesischen Industriellen in die Anfor- 
derungen der Stoffe und in die Bedingungen der Aufgabe kund 
gibt, worauf ein eigenthümlicher Reiz des Formell- und Farbig- 
Schönen beruht, der ganz unabhängig ist von dem mehr intellek- 
tuellen Genüsse an der höheren Kunstdarstellung, dessen volle 
Befriedigung zwar das höchste Streben in der Kunst ist, (das die 
Chinesen niemals ambitionirten) dessen ungenügende Befrie- 
digung jedoch bei uns sehr häufig auf Kosten jener rein formellen 
Harmonie des Schönen zu theuer erkauft wird. 
In die Kategorie der chinesischen Lackarbeiten gehören auch 
die bekannten Gegenstände von Papiermache mit eingelegtem Perl- 
mutter und goldenen gemalten oder plastisch aufgetragenen Ver- 
zierungen , die vorzüglich in England in technischer Beziehung 
sehr gut nachgeahmt werden, (obschon auch im rein Technischen 
das chinesische und japanische Lackiren uns noch immer un- 
erreicht bleibt), in stilistischer Hinsicht aber noch sehr vieles 
zu wünschen übrig lassenÄ Man erkennt auf den ersten Blick, 
dass das Prinzip, welches die Amerikaner für ihre Kautschuk- 
waaren zuletzt adoptirt haben, (siehe oben) eigentlich hier in 
der jetzt besprochenen Industrie zu Hause und von ihr entlehnt ist, 
wobei Wohl die Aehnlichkeit beider Stoffe erkannt, dagegen nicht 
genug auf dasjenige Rücksicht genommen wird, was sie trennt. 
Die Indischen Völker waren von den ältesten Zeiten gleich 
den Chinesen sehr geschickte Lackarbeiter , scheinen auch noch 
durch eine grössere Auswahl seltener Lackarten, (vorzüglich hell- 
farbiger) die ihr Boden hervorbringt, vor diesen bevorzugt zu sein. 
Die schönsten Lackarbeiten sind diejenigen im Indo -Persischen 
Stile; sie zeigen Blumenornamente zum Theil in einem antikisiren- 
den Renaissancegeschmack (über dessen Ursprung verschiedene 
Meinungen obwalten, auf die ich zurückkommen werde) zum Theil 
auch in Nachahmung der bekannten Shawlmuster und mit viel- 
ifach einander durchschlingenden Cypressenornamenten. An ihnen 
ist strenger Stil 1nit achter Anmuth des rein vegetabilischen Or- 
naments gepaart; die Vergoldungen treten an den solcherweise 
oft hellgründig lackirten Kästchen u. s.w. der Inder niemals massen- 
haft auf. Herrliche Muster solcher Neu-Indischer Lackfabrikate 
befinden sich in dem Museum of ornamental art zu London. 
1 Eine sehr bekannte und ausgedehnte Fabrik von Papiermachäwaaren 
ist die des Herrn Jeunens S: Bettridge, Belgrave Square, London.
        

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