Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668642
88 
Drittes 
Hauptstück. 
der Figur herunterlaufen. Diese sind daher fiir des Umkleideten 
Proportion indifferent, wenigstens insoweit sie die proportionale 
Gliederung nicht bezeichnen, desto mehr sind sie geeignet, die 
Symmetrie der Gestalt zu stören oder zu heben, und insofern 
auch in der Distribution den Gesetzen der Symmetrie unterworfen. 
Die Griechen, die ihre Kleider heftelten und in der Blüthezeit 
ihres eigentlichen Hellenenthumes die gestickten Gewänder ihrer 
asiatischen und thrakischen Nachbarn nur auf der Bühne und 
als Tracht für Flötenbläser, Kitharöden, Tänzerinnen und He- 
tären kannten, für sich aber als barbarischen Schmuck vor- 
schmähten, vermieden sorgfältig jeden horizontalen, den Körper 
oder Theile desselben der Quere nach durchschneidenden, d. h_ 
ringförmig umgebenden Kleideransatz, und es lässt nicht schwer, 
den Nachweis zu geben, dass dieses aus richtigem Stilgefühle 
unterblieb, so auch, dass Moden und Trachten, die gegen das aus- 
gesprochene Prinzip verstossen, wie z. B. die Sitte des Anheftelns 
des Haut de Chausse an das Pourpoint und das Herausziehen des 
Hemdes durch die breiten offenen Schlitze zwischen beiden Ober- 
kleidern (eine Mode des 17ten Jahrhunderts, die aus Holland her_ 
rührt) vor der Kritik des guten Geschmackes nicht bestehen 
können. Das Gleiche gilt von den unpassend angebrachten, die 
Proportionen des Unterkörpers und der Beine vernichtenden Idalbel- 
nähten unserer Damen. 
Dasselbe Gesetz der Aesthetik, wonach jede Gewandstückelung 
der proportionalen Entwicklung zu folgen, nicht sie zu durch- 
schneiden hat, verbietet zugleich die Theilung der Flaggen und 
Fahnen in vertikale, buntabwechselnde Lappen, deren Üngeschmack 
schon früher gerügt worden ist. In diesem Beispiele zeigt sich 
das Stilgesetz zugleich als praktisch und materiell zweckgemäss, 
weil der Wind dergleichen vertikale Verbindungen sehr leicht 
trennt. 
Ganz anders, wie gesagt, verhält es sich mit den Band- und 
Ringzierden, die ihrer Natur nach proportionalisch, nicht Symmg- 
trisch sind, und den Gesetzen der Proportionalität gemäss geord- 
net werden. Sie sind nicht Theile der Bekleidung, noch stehen 
sie mit diesen Theilen als Zwischenglieder in irgendwelcher Be- 
ziehung, sondern sie sind in einigen Fällen Zwischenglieder zwi- 
sehen dem Kleide als Ganzes und dem Bekleideten, die Verbin_ 
dungsmomente beider, wie z. B. der Gürtel, die schöne Ringzierde
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.