Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1667344
niederreissen 
erfreut. 
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3.111 
Bauen 
Die zweite Hypothese dagegen ist praktisch und fruchtbar, gleichviel 
ob begründet oder irrig an sich selbst. 
Wenn der sich zu ihr Bekennende nur die Anmassung von sich 
fern halt der Stifter und Heiland einer Zukunftskunst sein zu wollen 
darf er ohne Ueberhebung das sich vorbereitende Werk als im Werden 
begriffen, oder vielmehr allgemein das Kuntwerden, auffassen, und 
sich die Aufgabe stellen: die bei dem Prozess des Werdens und 
iEntstehens von Kunsterscheinungen hervor-tretende Ge- 
setzlichkeit und Ordnung im Einzelnen aufzusuchen, aus 
dem Gefundenen allgemeine Prinzipien, die Grundzüge 
einer empirischen Kunstlehre, abzuleiten. 
Eine solche Lehre darf kein Handbuch der Kunstpraxis sein, denn 
sie zeigt nicht das Hervorbringen einer beliebigen Kunstform, son- 
dern deren Entstehen; ihr ist das Kunstwerk ein Ergebniss aller bei 
seinem Werden thätigen Momente. Die Technik wird in ihr daher 
zwar einen sehr Wichtigen Gegenstand zu Betrachtungen bilden, jedoch 
nur insofern sie das Gesetz des Kunstwerdens mit bedingt. Sie ist auch 
eben so wenig eine reine Geschichte der Künste; sie durchwandert das 
Feld der Geschichte , die Kunstwerke der verschiedenen Länder und 
Zeiten nicht als Thatsachen auffassend und erklärend, sondern sie gleich- 
sam entwickeln d, in ihnen die nothwendig verschiedenen Werthe einer 
Funktion, die aus vielen variablen Conefcienten besteht, nachweisend, und 
dieses hauptsächlich in der Absicht, das innere Gesetz hervortreten zu lassen, 
das durch die Welt der Kunstformen gleich wie in der Natur waltet. S0 wie 
nämlich die Natur bei ihrer unendlichen Fülle doch in ihren Motiven höchst 
sparsam ist, wie sich eine stetige Wiederholung in ihren Grundformen 
zeigt, wie aber diese nach den Bildungsstufen der Geschöpfe und nach 
ihren verschiedenen Dascinsbedingungen tausendfach modiiicirt, in Theilen 
verkürzt oder verlängert, in Theilen ausgebildet, in andern nur ange- 
deutet erscheinen, wie die Natur ihre Entwickelungsgeschichte hat, inner- 
halb welcher die alten Motive bei jeder Neugestaltung wieder durch- 
blicken, eben so liegen auch der Kunst nur wenige Normalformen und 
Typen unter, die aus urältester Tradition stammen, in stetem Wieder- 
hervortreten dennoch eine unendliche Mannigfaltigkeit darbieten, und 
gleich jenen Naturtypen ihre Geschichte haben. Nichts ist dabei reine 
Willkür, sondern alles durch Umstände und Verhältnisse bedungßn- 
Die empirische Kunstlehre (Stillehre) ist auch nicht reine Aesthetik, 
oder abstrakte Schönheitslehre. Letztere betrachtet die Form als solche, 
ihr ist das Schöne ein Zusammenwirken einzelner Formen zu einer Total- 
wirkung, die unsern künstlerischen Sinn befriedigt und erfreut.
        

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