Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668574
Textile Kunst. 
Die 
Naht. 
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waaren, besonders die Rennthierkollcr, renones, schon im 3ten 
und 4tcn Jahrhundert die fashionable Wintertracht der vornehmen 
Römer wurden, so dass gegen Ende des 4ten Jahrhunderts unter 
Kaiser Honorius ein Luxusgesetz erlassen werden musste, welches 
das Tragen der reichgestickten fremden Pelztrachten bei schweren 
Strafen verbot, damit nicht die gothische Mode die Vorlauferin 
der gothischen Herrschaft werde. Die Verzierungen an diesen 
Pelzen, deren haarichte Seite xiach innen gekehrt war und nur an 
den Säumen und Verbrämungen sichtbar wurde, waren aus der 
kunstfertigen Ausbildung der Nahtstickerei hervorgegangen. Man 
setzte zwischen die Haupttheilc des Pclzes zur besseren Hervor- 
hebung der Naht lebhafter gefärbtes, rothes oder blaues und 
grünes Leder, auch wohl buntschillernde lilischhätute, wenn anders 
Tacitus richtig verstanden wird, und diese Streifen wurden mit 
zierlicher Schnörkclstickerei eingesetzt, ganz nach kanadischer 
WVeise und so, wie sie sich an den uns bekannteren russischen 
Pelzstiefeln zeigt, die in der That sehr lehrreiche und schöne 
Spccimina der in Rede stehenden, für die Theorie des Stiles so 
interessanten Kilnsttcchnik sind. Es bedarf, hier wenigstens an 
dieser Stelle, keiner weiteren Durchführung, wie die Nahtstickerei 
bei allen Völkern des Ostens und überall, wo sich noch eine  
wisse Ursprünglichkeit und Naivität der Volksindustrie kund gibt, 
zwar auf die verschiedenste Weise, jedoch dem Prinzipe nach 
gleichmässig geübt wird und die eigentliche materielle Basis der 
gesammten Flächenornamentik bildet. 
Wie sehr das Prinzip des offenkundigen Bekenncns der stoff- 
lichen Zusammensetzung im B ekleidungsivesenl auch im Alter- 
thume Geltung hatte, darüber geben uns die assyrischen Basreliefs, 
die Malereien der ägyptischen Monumente, und vor allen die hel- 
lenischen und etruskisch-italischen Vasenbilder, zunächst in Be- 
ziehung auf Bekleidung im engeren Sinne des Wortes, d. h. auf 
Kostüm, Kleidertracht und Draperie, unzählige und höchst inter- 
essante Nachweise.  Dass dasselbe wiederum keine Anwendung 
fand und absichtlich verleugnet wurde, sobald die Unzulänglichkeit 
des Materiales oder der Mittel es nöthig machte, etwas aus Stücken 
4 Dem Ausdrucke Bekleidungswesen lege ich, wie sich aus dem BYAg-enden 
ergeben wird, einen sehr ausgedehnten, mit meinen Ideen über antike Kunst 
im Allgemeinen auf das Engste zusammenhängenden Sinn bei. 
Semper. 11
        

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