Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668559
Textile 
Kunst. 
Die 
Naht. 
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Praxis in ihrem einfachsten, ursprünglichsten und zugleich ver- 
ständlichsten Ausdrucke auf,  das Gesetz nämlich, aus de1' 
Noth eine Tugend zu machen, l welches uns lehrt, dasjenige, 
was Wegen der Unzulänglichkeit des Stoffes und der Mittel, die 
uns zu dessen Bewältigung zu Gebote stehen, naturgemäss Stück- 
werk ist und sein muss, auch nicht anders erscheinen lassen zu 
wollen, sondern vielmehr das ursprünglich Getheilte durch das 
ausdrückliche und absiehtsvolle Hervorheben seiner Verknüpfung 
und Versehlingung zu einem gemeinsamen Zwecke nicht als 
Eines und Ungetheiltes, Wohl aber um so sprechender als 
Einheitliches und zu Einem Verbundenes zu eharakterisiren. 
Es ist staunenswürdig, mit Wie richtigem Takte der durch tel- 
lurische Fesseln an das Gesetz der Nothwendigkeit gebundene 
und mehr willkürlos schaffende Halbwilde (sei dieser Zustand 
nun ursprünglich oder Folge der Verwilderung, gleichviel, denn 
die Kunstgeschichte zeigt, dass in dieser Beziehung der Anfang 
und das Ende der Civilisation einander berühren) auch hierin das 
Stilgesetz erkennt und wie seine ganze Kunsttheorie und Praxis 
so zu sagen auf diesem Motive, verbunden mit wenigen anderen 
damit verwandten Motiven, beruht. Wir bewundern die Kunst 
1 Es dürfte der Worttauseh, den ich mir hier erlaubt habe, leicht spielend 
und bedeutungslos erscheinen, und in der That wage ich nicht, die Worte 
Naht und Noth als etymologisch und grundbegritflich verwandt zu bezeichnen, 
 obschon eine Ideenverknüpfilng ganz ähnlicher Art, nämlich zwischen Naht 
und Knoten (lat. nodus, nexus, franz. noeud, engl. knot) zwischen der fesseln- 
den oivaynz) und der unentwirrbaren Verschlingung, die wiederum nur die Noth 
zerhaut, die sich nach verschiedenen Richtungen hin verfolgen lässt, wohl 
schwerlich bloss aus zufälliger Aehnlichkcit der beiden Wörter, woran sie 
haftet, hervorgeht.  Erst nachdem ich dieses geschrieben, fand ich in Dr. 
Albert Höfers sprachwissenschaftlichen Untersuchungen S. 223 folgende Stelle, 
die meine Vermuthungen über den Zusammenhang der in dem Text berührten 
Begriffe und WVorte bestätigt: "Es schliessen sich hier auf den ersten Blick 
und unabweisbar eine Anzahl Worte an, die sich am fügsamsten um die 
Wurzelform noc vereinigen, lat. neo: noc-o? nexus, necessitas (conf. lozyzos, 
capesso, cap), die Verbundenheit, Folge, Zwang; nectere, 115m, vojöw, deutsch 
nähen, althochdeutsch nahen (suere), neudeutsch neigen, skrit nah, womit natha 
zu vereinigen ist. Die Begriffe Vereinigung, Fügung, Nähe liegen in diesen 
und den obgenannten Wörtern sehr deutlich vor. Nanc  isci und nahe, 
nach stehen ihnen auch formell zu nahe, als dass man nicht eine grosse, 
tiefwurzelnde Verzweigung anzunehmen-berechtigt sein sollte."  Nach Grimm 
sind we're und ävuynz) verwandt. Vergl. Grimm's deutsche Grammatik und 
DiefenbaeHs Wörterbuch der gothischen Sprache.
        

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