Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668529
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Drittes 
Hauptstück. 
Jeglicher längere Blick endigt nothwendig mit Farbenkonfusion. 
In Folge der Wirkungen des sogenannten gemischten Kontrastes 
der Farben erscheint das Ganze wie mit einem gemeinsamen 
schmutzigen Tone überzogen. 
Dieselben Gründe, die für Deckengemälde sprechen, rcchtfer- 
tigen zugleich das Prinzip, der Decke das Maximum des Reich- 
thumes zuzuwenden, welches der dekorirte Raum seiner Bestim- 
mung nach gestattet; sie in dieser Hinsicht das ganze übrigg 
Dekorationswerk beherrschen zu lassen, versteht sich unter Berück- 
sichtigung der Gesetze der Proportionalität in Verhältnissen und 
Farben, das verlangt, dass die Decke auch das Duftige, das Leich- 
tere, das Getragene, das Schwebende sei. Der Begriff des frei 
Schwebenden ist unabänderlich an den Begriff des horizontalen 
Deckenwerkes und" jeglicher anderen Bedeckung eines Raulnes 
geknüpft, und je deutlicher, organischer dieser Begriff an ihm sich 
Zeit lang Roth angesehen und blickte hernach auf Blau, so würde das grüne 
Spectrum im Auge sich mit dem Blau vermischen und es entstünde ein tieferes 
Griinhlau. Hätte das Auge vorher Orange gesehen und es fiele hierauf auf 
Gelb, so wiirde dieses grün erscheinen, das Roth aber wiirde durch die Nach- 
wirkung des Orange violet u. s. w.  
Hieraus erklärt sich der Nachtheil, den das lange, unausgesetzte Anschauen 
eines Bildes für den Genuss und das Verständniss desselben haben muss; hieß 
aus erklärt sich zugleich das Phänomen, worauf in dem Texte hingewiesen 
worden, dass ein ungewohntes Sehen die Farben und Töne eines Gegenstandes 
schärfer und reiner erscheinen lasse. Die Ursache liegt darin, dass die Netze 
haut das Bild des Gegenstandes auf Punkten in Empfang nimmt, die noch 
nicht fatiguirt sind und somit die reinen, richtigen Nuancen statt der durch 
gemischten Kontrast getriibterl sieht. 
Der wundervolle Orangeschimmer, den die Ferne und der untere Horizont 
einer Weitsicht annimmt, wenn man sie verkehrt durch die Beine besieht, er- 
klärt sich nach dem Gesetze des gemischten Kontrastes noch bestimmter dm 
durch, dass die untere Hälfte der Netzhaut, durch das Blau des oberen Himx 
mels übersättigt, für Orange disponirt wird, während gleichzeitig die obere 
Hälfte der Netzhaut durch (las duftige Orange der Horizontnähe ein blaues 
Spectrum in sich aufnimmt. Nun stelle ich mich plötzlich iiberkopfs. so dass 
das Spectrum in der unteren Hälfte der Netzhaut, welches orangefarhen ist, 
plötzlich mit der orangefarbenen Horizontlinie znsammenfallt und das blaue 
Spectrum der oberen Hälfte derselben gleichzeitig mit dem Blau des Zeniths 
kongruirt. Hieraus folgt nothwendig ein tieferes und schöneres Blau für den 
Zenith und ein reineres Orange für den Horizont, sowie eine schärfere S011- 
derung zwischen beiden Extremen, die somit, genau genommen, unwahr ist, 
Aber was ist Wahrheit?  vorzüglich in der tVelt der Farben, wo Alles auf 
Vl-läusßhllllg und Schein beruht?
        

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