Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668519
'l'extilc 
Kunst. 
Die Decke 
75 
Nichts ist vorthcilhafter für das Kunstwerk, als das Entrückt- 
sein aus der vulgären unmittelbaren Berührung mit dem Nächsten 
und aus der gewohnten Schlinic der Menschen. Durch die 
Gewohnheit des Bequemsehens wird der menschliche Sehnerv so 
abgestumpft, dass er den Reiz und die Verhältnisse der Farben 
und Formen nur noch wie hinter einem Schleier erkennt. Den 
experimentalen Beweis dafür gibt das allen Künstlern bekannte 
Phänomen, dass Fernsichten, ein Sonnenuntergang, ein duftiger 
Gebirgshintergrund unaussprechlieh gewinnen und eine Schärfe der 
Umrisse, eine F arbenglorie annehmen, die sie uns als einer andern 
Welt, einer höhern Schöpfung angehörig erscheinen lassen, wenn 
wir sie verkehrt, etwa durch die Beine hindurch, betrachten. 
Etwas ganz Analoges kommt den Bildern zu Gute, die mit etwas 
ungewohnter Haltung des Kopfes angeschaut werden; ganz derselbe 
Zauber wird durch das Fremdartige der Auffassung über sie er- 
gossen. Ausserdem soll man ein gutes Bild nicht zu lange an- 
glotzen. Du hast mit einer Anschauung genug, die so lange währt, 
bis der Nacken ermüdet. Hat dieser Zeit gehabt auszuruhen, so 
ist das Auge auch wieder empfänglich geworden für Farbenkon- 
traste und richtiges Verhalten der Töne und Formen zu einander. ' 
' Man unterscheidet zweierlei blarbenkontraste, den instantanen und 
den nachwirkenden. Der erstere macht zwei Farben, die einander berühren 
oder nahestehen, anders erscheinen, als sie das Auge auffasst, wenn es jede 
für sieh allein betrachtet, und zwar verändert er sie nicht bloss qualitative, 
sondern auch quantitative, d. h. er macht das Dunkle neben Hellem dunkler, 
letzteres neben jenem heller erscheinen. So z. B. erscheint Grün neben Violet 
jenes gelber, dieses rüther, als jedes für sich betrachtet; Gelb neben Grün spielt 
in's Orangefarbene, dieses in's Blaue u. s. W.  Der naehwirkende Kontrast 
ist ein Reiz, der durch das Sehen einer Farbe der Netzhaut mitgetheilt wird 
und sich dadurch kundgibt, dass man diejenige Farbe zu sehen glaubt, die 
möglichst weit von der gesehenen entfernt liegt und den geraden Gegensatzzu 
ihr bildet." S0 hinterlässt ein rother Punkt. etwas lange angesehen, in dem 
weggewandten Auge ein gleiehgestaltetes Spectrum von grüner Farbe. Eine 
Orangekreisiläche hinterlässt ein gleiches Bild von blauer Farbe u. s. w. 
Bei langem Anschauen einer vielfarbigen Fläche, deren Effekt Illlf auf den 
instantanen Kontrast berechnet ist, fangen die Farben an, die Wirkung des 
naehwirkenden Kontrastes auf das Auge auszuüben, das somit das Gegentheil 
der Farben sieht, die auf dem Bilde vorkommen, und diese Eindrücke auf an- 
dere Punkte des Bildes überträgt, deren Lokalfarbe sich mit den von vorher- 
gesehenen Farben herühcrgeschlepjiten Eindrücken im Auge vermischt. Sol- 
eherweise entsteht der gemischte Kontrast, der zuweilen sehr konlponirt 
ausfallen kann und zuletzt Alles grau erscheinen lässt. lliitte man z. B. eine
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.