Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668509
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Drittes 
Uaupfstiick. 
Seitenwände der Schiffe wenig ruhige Flächen bieten, sondern 
unten von luftigen Bogenstellungen, oben von Tribünen durch- 
brochen sind oder durch architektonisches Werk zu statisch-dien- 
enden Theilen des architektonischen Gebildes umgestempelt er- 
scheinen. Somit bleiben nur die Zwickel über den Bögen der 
HauptschiEe und die Plafonds, Gewölbe und Kuppeln für diQ 
eigentliche Malerei disponibel. In Palästen und profanen öffgnt- 
liehen Gebäuden aber, besonders in den jetzt so Wichtigen Monu- 
mentcn, die bestimmt sind, Sammlungen zu enthalten, hat dig 
Wandiläiehe schon im Voraus ihre Bestimmung: sie darf kein Bild 
sein, da sie bestimmt ist, Bilder oder sonstige Gegenstände der 
Kunst, der Wissenschaft oder des IAHXIIS an ihr aufzuhängen oder 
an sie zu lehnen. Manche Ausnahmen können sich (lau-bieten, 
manche Gelegenheit zeigt sich günstig, ein Wandgemälde zu voll- 
bringen  aber im Ganzen gerechnet sucht die Malerei nach 
einem ruhigeren Plätzchen für ungestörtes Schaffen und Wirken 
So wird die Kunst schon aus ganz hausbaeltenen und lllilteria- 
listischen Gründen in den Himmel versetzt, weil hier unten man 
nichts Sonderliches mit ihr anzufangen wciss, sie nur im YVege ist. 
Auch mag sie in ihrem ruhigen Exile sich ihres Daseins erfreuen, 
das dort oben wenigstens ohne kostspielige Leitern und Gerüste 
nicht so leicht beunruhigct und gefährdet werden kann. Auch 
vor dem kurzsichtigen Kennerblick und der Lupe des Aesthetikers 
ist sie dort einigermassen gesichert: dieser kann ihr nicht jeden 
Strich bekritteln und ist genöthigt, sie im Ganzen und in der Ge- 
sammtintention (wie er es immer soll) zu fassen. Obschon sich 
dieser Vortheil, Dank den Opernguekern und Reiehenbachlschel] 
Teleskopen, in praxi illusorisch erweist, beruhigt er doch einiger- 
massen den Künstler, der mit mehr Zuversicht an einem Werke 
arbeitet, das für eine Distanz berechnet ist, die das mittlere ge- 
sunde, unbewalfnetc Auge aus materiellen Gründen durchaus inne- 
zuhalten gezwungen ist. Augenkranke und Astronomcn machen 
ihm keine Sorgen, denn für die hat er sein Werk nicht berechnet, 
so wenig wie für die Duckmäuser, die Faulen und die Vornehmen, 
denen es zu viele Mühe ist, die Nase um einige Grade des Qua- 
dranten höher zu tragen, als ihnen die Hoehmuthsetikctte vor- 
schreibt, die es ngrasslich fatiguitnttt finden, dort hinaufzilschauen, 
und sich desshalb mit einem kurzen Coup d'0eil auf das Bild be- 
gnügen, der auch für sie vollkommen hinreißllt-
        

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