Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668498
Textile 
Kunst. 
Decke. 
Die 
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Deckenbilder; dieselben sind von _den Kunstpuritanern und 
Neugothen mit einer Art von Wuth angefeindet worden,-  fast 
alle Kunsttheoretiker, Kunstkritiker und kunstverständige Laien 
haben sich dagegen verschworen,  Während bemerkt wird, dass 
die besten Maler mit grösster Vorliebe und bestem Fleisse ge- 
rade diejenigen Aufgaben gelöst haben, die sich an Oertlichkeiten 
der angedeuteten Art knüpften. So war die Sixtinisclie Decke 
das Lieblingswerk und die grösste malerische Leistung des gött- 
lichen Michel Angele, so erfreute sich Raphael an den Deckenge- 
rnälden der Farnesina und der Kapelle Chigi; fast alle ersten 
Maler Italiens suchten und erreichten ihren höchsten Ruhm in den 
Plafondbildern und ausgemalten Kuppeln; so Domenichino, Guido 
Reni und Correggio, so auch Titian, Tintoretto und Paul Vero- 
nese. Später machte sich Raphael Mengs durch seinen Plafond 
der Villa Albani zuerst berühmt, und auch unsere Meister der 
Gegenwart schufen ihr Bestes und Gefeiertestes für die Gewölbe 
und Decken der Glyptothek und des Louvre. Und diesen Ruf 
hätten die Plafonds der "grossen Meister vor ihren anderen Werken 
sich nicht erworben und erhalten, wäre nicht zugleich die Vorliebe 
gerade für diese Bilder imiVolke, in der Masse des kunstgenies- 
senden Publikums vorhanden. Diese Thatsache spricht sich klar 
aus, den Theorieen der Aesthetiker zum Trotze. Ich glaube, dass 
sich diese Vorliebe der Meister, sowie des unbefangenen Volkes 
für Plafondbilder mehr aus physiologischen und, wenn man will, 
aus psychologischen, denn aus materiellen Gründen erklären lasse. 
Allerdings ist es richtig, dass schon aus Gründen der letzteren Art 
der Fussboden gar nicht, die Wand sehr selten zu der Aufnahme 
von Bildern hohen Stiles geeignet ist und noch seltener den ge- 
sammelten Genuss solcher Werke gestattet. Seitdem der sogenannte 
gothische Baustil der Wand, der selbsständigen, nicht statisch 
oder mechanisch thätigen und dienenden Raumschranke, die Ei:- 
istenz absprach, blieb für die eigentliche Malerei, die sich nur auf 
derartigen selbstständigen, nicht mechanisch funktionirenden Raum- 
schranken entwickeln kann und darf, kein Feld übrig, ausgenom- 
men die Kappen der Kreuzgewölbe und die durchsichtigen Glas- 
wände der Fenster. Seit der Renaissance ward der Wand Wohl 
zum Theil wieder ihr Recht, allein in viel geringerem Grade bei 
öffentlichen Monumenten, z. B. bei Kirchen, als in der Wohnhaus- 
architektur. Jene gothisiren noch immer in dem Sinne, als die
        

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