Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668423
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Hauptstück. 
Drittes 
Die Decke soll nicht begangen werden und befindet sich 
oben. Sie darf rauh sein, das Prinzip der Flächendekoration ist 
bei ihr nicht, wie dort, durch die materielle Bestimmung, noch 
selbst durch das allgemeine Stilgesetz bedungen, sondern höchstens 
durch die 'l'echnik, die bei ihrer Ausführung in Anwendung kom- 
men kann; wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass die auf 
Flächendekorationen recht eigentlich angewiesenc Technik des W e- 
bers auch hier die Urtechnik ist, was sich gewissermassen von 
selbst versteht, auch kunsthistorisch nachweisbar ist, welcher Nach- 
weis in den Paragraphen über das Technisch-Geschichtliche der tex- 
tilen Künste folgen wird. Die textile Fläehendekoration ist daher 
auch hier typisch und erleidet erst im Verlaufe der Stilentwick- 
lung Modifikationen im plastischen Sinne, ohne jedoch jemals ganz 
ihren traditionellen und selbst hieratiseh sanctionirten Typus auf- 
zugeben und zu verleugnen.  Eine andere grosse Verschiedenheit 
des Stiles beider horizontaler Deckenbekleidungen, des Plafonds 
und des Fussbodens nämlich, beruht auf optischen Gründen. Der 
Blick, der aufwärts geworfen Wird, sieht das Gegenüber der Decke 
am bequemsten und frühesten, der Blick, der auf den Boden sich 
senkt, fällt zuerst auf das Nächste, das sich ihm unter dem besten 
Sehwinkel zeigt und ihn aus psychologischen Gründen zuerst 
auf sich zieht. lm Grunde ist es die Furcht oder die Vorsicht, 
die den Blick zwingt, am Boden das Nächste zuerst zu prüfen. 
Wie die blumengestickte Wiese und die neutralen Töne des 
Bodens ein natürliches Analogon des Fussteppiches bilden, so war 
das Sternenzelt des Himmels mit seinem Azurblau seit Urzeiten, 
so lange der Mensch stickt, webt, malt und baut das Vorbild für 
diejenigen gewesen, die sich mit der Bereitung der oberen hori- 
zontalen Raumabschlüsse beschäftigten." Auch hierin spricht sich 
ein prinzipieller Gegensatz zwischen der Decke und dem Fuss- 
teppiche aus. So wie der gute Geschmack ein System der F uss- 
bodendekoration verwirft, welches die Augen zu sehr auf die 
Erde herabzieht, weil diese Richtung des Sinnes den Menschen 
nicht erhebt (um andere Gründe zu verschweigen), eben so 
sehr entspricht es dem guten Geschmacke und der Menschen- 
würde, dass durch luftiges, lichtes und zugleich beruhigendes Co- 
lorit und leichte Ornamentation der Decke das Gefühl des Drücken- 
den, welches jede Scheidung zwischen dem freien Hiinmelszelte 
und uns hervorruft, beseitigt, das Auge aufwärts gezogen werde,
        

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