Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst ; mit 125 in den Text gedr. Holzschn. und 15 farb. Tondrucktaf
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1666981
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1668205
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Drittes 
Hauptstück. 
Bemühen, auf die Verbesserung des Geschmackes und die Ver- 
breitung eines feineren Schifnheitsgefühles im Volke durch eisernes 
Bestehen auf dem nackten Gesetze und stetes Zurückweisen auf 
die Inkunablen jeglicher Kunst hinzuwirken. Allerdings sind diese 
höchst beachtenswerthe Vorbilder, die der Unterricht in der prak- 
tischen Sehönheitslehre zur Erläuterung seiner Eleinentarsatze gar 
nicht entbehren kann, wegen der Deutlichkeit und Schärfe, womit 
das ibrmelle Gesetz noch fast unabhängig von menschlicher Will- 
kür und gleichsam in seiner Naturnothwendigkcit an ihnen hervor- 
tritt  aber wir sollen nicht vergessen, dass zwischen ihnen und 
uns ein weiter Raum kulturgeschichtlicher Entwicklung liegt, dass 
unsere Kunst die Traditionen dieser langen Uebergangszeit zwischen 
den Anfängen der Kultur bis zu uns in sich aufgenommen hat und 
nicht verleugnen kann, selbst wo sie dieses mit antiquarischem 
Mandarineneifer erstrebt, dass die Gegenwart ihr Recht hat, der 
auf dem Gebiete der Technik fast keine Schranken des Voll- 
bringens mehr entgegenstehen, wodurch nothwendig eine "Menge 
von Stilerfordernissen, besonders diejenigen, welche aus der tech- 
nischen Behandlung des Stoffes hervorgehen, beseitigt werden, dass 
endlich mit kurzen Worten ein sehr liberaler Stilcodex, ein solcher, 
der sich (larauf beschränkt, die äussersten Grenzen des Erlaubten 
zu bezeichnen und eine Logik des freien Waltens zu geben, der 
einzige sein könne, der sich eines Einflusses auf die Verbesserung 
unseres Geschmackes und die Verbreitung einer kunstsinnigeren 
Richtung im Volke zu gewärtigen habe. 
Wie grosse Vorsicht in dieser Beziehung nothwendig sei, be- 
weist jene berüchtigte „Chamber of horrors" in dem ltlarlborough- 
house zu London, in welcher alle möglichen Beispiele industrieller 
Verständigungen gegen etwas zu streng und einseitig aufgefasste 
Stilgesetze vereinigt und gleichsam an den Pranger gestellt waren, 
so dass jeder Besucher des Museums für praktische Kunst und 
Wissenschaft (The niuseum for praetieal art and seience) sie gleich 
beim Eintritte sehen musste. Die beabsichtigte Wirkung wurde 
ganz verfehlt, denn selbst der Unbetheiligte fühlte sich nicht selten 
gereizt, die Gesetze und ihre etwas eigenmächtige Applikatiml, die 
vor ihrer von der öffentlichen Meinung erfolgten Sanktionirung 
stattgefunden hatte, einer strengen Kritik zu unterwerfen, dagegen 
die blossgcstellten Leistungen in Schutz zu nehmen; die Getrof- 
fenen aber wurden durch diesen öffentlichen Tadel Zu erbitterten
        

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