Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mythologie der christlichen Kunst von der ältesten Zeit bis in's sechzehnte Jahrhundert
Person:
Piper, Ferdinand
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1021104
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1026817
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Nachdem aber erkannt ist, dass dergleichen das 
Christenthum vorbereitende Sibyllen niemals existirt haben, 
können sie dann noch Gegenstand christlich-künstlerischer 
Darstellung sein? 
S0 weit die Kunst im Dienst des Heiligen steht und 
ihre Werke auf geschichtliche Wahrheit Anspruch machen, 
gewiss nicht! 
Doch lässt sich die Itunstvorstellung aufrecht erhalten, 
wenn man eine Umbildung mit derselben vornimmt und 
nur die Beziehung auf die Sibyllen als geschichtliche 
Personen gänzlich fahren lässt,  indem an die Stelle 
der geschichtlichen Erscheinung eine ideale Wahrheit tritt. 
Das darf ja nicht bestritten werden, dass das heid- 
nische Alterthum mancherlei Hinweisungen auf das Christen- 
thum enthält, am wenigsten freilich in sibyllinischer Orakel- 
form, aber von prophetischer Bedeutung,  in Wissen- 
schaft, Kunst und Cultus, zumal als einem Theil des 
letztern, in den Werken der tragischen Dichtung. Solche 
Zeichen sind das Opfer der Antigene, das sie dem Ge- 
horsam gegen „die ungeschriebenen Gesetze" bringt, und 
in noch höherer Art die entscheidenden Momente im 
Prometheus des Acschylus und dem Oedipus Koloneus des 
Sophokles. Wenn nun diese das Alterthum überragenden 
Ideen in menschliche Gestalt gekleidet und so dem pro- 
phetischen Heidenthum Repräsentanten gegeben werden; 
so ist die Darstellung begeisterter Seherinnen nach dieser 
Auffassung, anstatt der Sibyllen, wohl ein würdiger Gegen- 
stand der christlichen Kunst,  wie es stets Aufgabe 
der christlichen Wissenschaft gewesen ist, den Spuren 
christlicher Weisheit und lauterer Gotteserkenntniss in der 
vorchristlichen Zeit nachzugehen und sie in ihrem grossen 
weltgeschichtlichen Zusammenhang, nach ihrem vorbe- 
deutenden Gewicht zu würdigen.
        

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