Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mythologie der christlichen Kunst von der ältesten Zeit bis in’s sechzehnte Jahrhundert
Person:
Piper, Ferdinand
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1027018
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1031087
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welcher den Befehl ertheilt, der vor ihm knieenden 
Ruth das Aehrenlesen zu gestatten; den Herbst die 
israelitischen Kundschafter mit der über einem Stabe 
gehängten Traube (4 Mos. 13,  den Winter die 
Sündfluth mit der Arche. Zweitens aber erscheinen alle 
diese Vorgänge nur als Stalfage; zur eigentlichen Cha- 
rakteristik der Jahreszeiten dient hier die landschaftliche 
Composition: für den Frühling eine bauinreiche Gegend, 
für den Sommer ein grosses Kornfeld, für den Herbst 
eine fruchtbare, für den Winter eine nächtliche, nur von 
einem Blitzstrahl matt erhellte Landschaft. Und so tritt im 
Gegensatz gegen die antike Personification der Naturer- 
scheinungen das Ergreifen der Naturwahrheit, als das unter- 
scheidende Wahrzeichen der modernen Kunst, in diesen 
kunstgeschichtlieh bedeutsamen Bildern uns entgegen. 
Welche Wahrheit aber auch jener Personification 
innewohnt,  wie die Kraft der Poesie auch den Jahres- 
zeiten und ihren Erzeugnissen Leben und Persönlich- 
keit leiht, das möge schliesslich noch ein Wort des 
grossen Dichters darthun, wo die Folgen eines Zwiespalts 
zwischen dem Elfenkönig und der Elfenkönigin geschildert 
werden 1): 
Durch eben die Zerrüttung wandeln sich 
Die Jahreszeiten: silberhaafger Frost 
Fällt in den zarten Schooss der Purpurrose; 
Indess ein wiiriger Kranz von Sommerknospen 
Auf Hyems Kinn und der beeisten Scheitel 
Als wie zum Spotte prangt. Der Lenz, der Sommer, 
Der zeitigende Herbst, der zorn'ge Winter: 
Sie alle tauschen die gewohnte Tracht, 
Und die erstaunte Welt erkennt nicht mehr 
An ihrer Frucht und Art, wer jeder ist. 
Sh a k s p e a r e Sommernachtstraum II. 
S. 248. 
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Akt, 
1. Scene. 
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