Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mythologie der christlichen Kunst von der ältesten Zeit bis in’s sechzehnte Jahrhundert
Person:
Piper, Ferdinand
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1027018
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1030964
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Dies Götzenbild scheint aber nicht bloss den Tod zu be- 
deuten, sondern die heidnische Gottheit nachzubildcn, 
die zwar dem Christenthum hat weichen müssen, aber 
als dämonische Macht fortwirkt (wie überhaupt die Götter 
der Heiden für Dämonen gehalten wurden) und in der 
winterlichen Jahreszeit ihre Herrschaft behauptet; sie 
erscheint als feindliche Naturgewalt, der auch das mensch- 
liche Leben preisgegeben ist,  das sich aber ihrer 
erwehrt. 
Ganz im Gegentheil ist in eben diesen Gegenden 
der Sommer als Repräsentant des üherwundenen Heiden- 
thums, wie es scheint, aufgefasst und auch dargestellt 
worden, in einem merkwürdigen Miniaturbilde aus dem 
Anfang des 12. Jahrhunderts. Dasselbe befindet sich auf 
dem Titelblatt einer Handschrift des unter dem Namen 
Mater verborum bekannten, mit böhmischen Glossen ver- 
mehrten Glossars, welche von dem Maler Miroslaw mit 
Miniaturen geschmückt ist, die eine geschickte Nach- 
ahmung byzantinischer Vorbilder erkennen lassen, und 
im Vaterländischen Museum zu Prag aufbewahrt wird. Es 
ist die Initiale A, verziert mit phantastischen Gebilden 
und dämonischen Gestalten l): man erblickt in derselben 
eine weibliche, oben unbekleidete Figur, welche zwei 
Pflanzen hält, mit der Umschrift: Estas, Siwa. Siwa, 
welche hier dem Sommer gleich gesetzt wird, ist in der 
slavischen Mythologie die Göttin der Fruchtbarkeit,  
wie sie unter den Glossen der Mater verborum der Ceres 
verglichen wird 2): etymologisch ist die andere Erklärung 
durch diva, dea wohl berechtigt und ein Zusammenhang 
mit dem indischen Mythus nicht zu verkennen. Ueber 
1) Wo cel Grundzüge der hühnnischen Altenhmnskunde S. 8. 
Waagen im Deutschen Kunstblatt 1850. N0. 17. S. 130. 
2) Siva, dei frumenti, Ceres; Siva, diva, dea. Wocel a. 
S. 8.
        

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