Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mythologie der christlichen Kunst von der ältesten Zeit bis in’s sechzehnte Jahrhundert
Person:
Piper, Ferdinand
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1027018
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1027653
der die letztere für stumme Poesie erklärte 1). So ward 
in diesen Künsten die beseelte menschliche Gestalt an die 
Stelle des Leblosen gesetzt, wie beim Sonnenaufgang Erde, 
Meer und Himmel in Person vorgestellt wurden 2). Und 
indem man diesen Gestalten menschliche Empfindung gab, 
erscheinen sie nicht bloss die Handlung begleitend, son- 
dern selbst in dieselbe eingreifend, wie dies anmuthig 
hervortritt in den Darstellungen fliessender Gewässer, von 
denen die Quellen als Jungfrauen, die Bäche als Knaben 
und Jünglinge, die Ströme als Männer und Greise an dem, 
was um sie vorgeht, Theil nehmen.  Zu einer solchen 
Auffassung sah die antike Kunst sich veranlasst, da sie 
den Lebensodem, der die Natur durchweht (welchen fühl- 
bar zu machen die Tonkunst so ganz andere Mittel hat), 
in ihrem engen Rahmen nicht anders zur Anschauung zu 
bringen wusste.   
Es war jedoch nicht bloss ein technisches Bedürfniss 
der Kunst, das zu einer solchen Darstellung der Natur 
führte. Diese Auffassung war vor allem durch die Re- 
ligion dargeboten, der zufolge das Göttliche durch die 
ganze Natur verbreitet war: Erde und Meer und Fluss 
und Berg und Wald und Stadt, jedes hatte seine Gott- 
heit; die Götter aber hatten menschliche Gestalt. Also 
da die Religion selbst künstlerischen Charakter hatte, 
musste um so mehr die Kunst religiös sein und es ihr 
nahe liegen, die Erscheinungen der Natur durch die Bil- 
der der Götter vor Augen zu stellen, auf deren Walten 
dieselben zurückgeführt wurden. 
Da nun aber die christliche Kunst dieselbe Methode 
befolgte, nahm sie auch mythologische Vorstellungen von 
1) Zur Rechtfertigung desselben S. Tölken Ueber das versch. 
Verhältniss der antiken und modernen Malerei zur Poesie. Berlin. 
1822. S. 6. 25. vergl. S. 18. 12. 
2) Vergl. oben Th. l. S. 75 f.
        

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