Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Mythologie der christlichen Kunst von der ältesten Zeit bis in’s sechzehnte Jahrhundert
Person:
Piper, Ferdinand
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1027018
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1028343
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scheint das Meer in Gestalt eines alten Weibes, welches 
aus seiner Gegenwart sich entfernt, ebenso wie der Fluss- 
gott des Jordan zu seiner Rechten, ein bärtiger Greis, 
ganz nackt, sich vor ihm flüchtet, mit Schrecken nach 
ihm sich umsehend: dasselbe ist von meergrüner Farbe, 
trägt eine grüne Krone und sitzt zwischen zwei grossen 
rothen Meerungethümen, mit denen es fahrt. Also ge- 
räth die ganze Natur in Aufruhr vor dein Olfenbarwerden 
des Geistes in der Taufe Christi, nach Analogie der Er- 
scheinungen bei dem Durchgang der Israeliten durch's 
rothe Meer und den Jordan. Denn daher ist jenes künst- 
lerische Motiv entlehnt nach Anleitung von Psalm 114, 
3-7: „Das Meer sah es und floh; der Jordan wandte 
sich zurück. Was ist dir, Meer, dass du lliehest, Jordan, 
dass du dich wendest zurück? Vor dem Antlitz des 
Herrn beb' o Erde, vor dem Antlitz des Gottes Jacobs." 
Sonst erscheint die Natur nur als aufmerksame, stille 
Zeugin der Geheimnisse der Erlösung. 
3. Häuiiger sind Himmel, Erde und Meer vorgestellt bei 
der Kreuzigung Christi in abendländischen Kunstwerken. 
Vornehmlich in Elfenbeinreliefs. Vor Allem ist eine 
Elfenbeintafel zu bemerken auf dem Deckel eines Evange- 
liarium aus der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts 
in der K. Bibliothek zu Paris 1). Ueber dem Gekreuzig- 
ten sind Sonne und Mond in halber Figur und die vier 
Evangelisten mit ihren Zeichen. Zur Rechten des Kreuzes 
Maria und Johannes, zur Linken die Synagoge und die 
Kirche; am Fuss desselben die beiden Krieger mit Lanze 
und Schwamm. Daneben sieht man die Todten aus ihren 
Gräbern hervorgehn. Und ganz unten erscheint in der 
1) Suppl. lat. n. 650. 4". Wangen Kunstw. u. Künstler in Paris 
S. 702. (wie schon oben Th. I. S. 22. nachgewiesen ist). Seit- 
dem ist dieser Deckel auch beschrieben von Duchalais bei 
Didron Annal. archäoi. Vol. VI. p. 104.
        

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