Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1000521
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1005099
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Verhältniss der 
höfischen Gesellschaft zur 
Kunst. 
kommt eine schwärmerische Verehrung der Frauen. Stets ist der 
Ritter bereit, für den Schwächeren einzustehen, Recht und Gerechtig- 
keit nach bestem Wissen und Können zu vertheidigen. Aufrichtig 
fromm setzt er sein Hab und Gut, sein Leben selbst daran, die heiligen 
Stätten des Christenthums wieder den Händen der Ungläubigen zu 
entreissen. Dass neben diesen Lichtseiten auch Schatten bemerkbar 
sind, ist ja nicht zu läugnen, aber ebenso wenig kann man es in Abrede 
stellen, dass die ritterliche Gesellschaft im grossen Ganzen sich hohe 
erhabene Ziele gesteckt hatte, dass trotz aller Schwächen  und welche 
Zeit wäre frei von ihnen  ein hochidealer Geist in ihr lebendig ist. 
Eine solche Zeit war wie geschaffen dazu, eine grosse Kunst- 
entwickelung zu erwecken und zu fördern. Die Künstler fanden für 
ihre Leistungen die dankbarste Aufnahme; was sie schaffen, das wird 
nicht als ein im Grunde überflüssiger Luxus angesehen, sondern kommt 
einem wirklich vorhandenen Bedürfnisse entgegen. Man beeifert sich, 
ihnen die Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Arbeiten 
möglichst schön ausführen, und ist dieselbe dann beendet, so wird sie 
auch geschätzt und bewundert. Das gilt nicht allein von den Werken 
der Baumeister, Bildhauer und Maler, sondern im gleichen Grade für 
die Leistungen des Kunsthandwerkes. Dass unter solchen Umständen 
die Kunst erblühen musste, kann nicht wunderbar erscheinen. Aber 
der Charakter der Zeit prägt sich auch den Kunstschöpfungen auf; 
nirgends sehen wir da kleinliche Formen, immer ist der Künstler be- 
strebt, seinem Werke eine möglichst vollendete, ideal schöne Gestalt 
zu geben. Meines Dafurhaltens hat in Frankreich wie in Deutschland 
damals die bildende Kunst ihren Höhepunkt erreicht, wie zwei Jahr- 
hunderte später den Italienern ein gleicher Erfolg beschieden war. 
Auch Italien war genussfroh und nahm es, sobald es sich um die 
Freuden des Lebens handelte, nicht so ängstlich mit der Moral; es war 
ebenso kunstbedürftig, nur waren seine Ideale andere, als die zur Zeit 
der Minnesinger die höfische Gesellschaft beseelten. So ist denn auch 
die italienische Kunst eine andere geworden; aber wenn wir an deren 
herrlichen Erzeugnissen uns erfreuen, dann sollten wir nicht vergessen, 
dass diesseits der Alpen es zwei Jahrhunderte gegeben hat, welche 
Kunstwerke hervorgebracht haben, die sich den italienischen wohl an 
die Seite stellen lassen. Nicht im fünfzehnten und sechszehnten Jahr- 
hundert, sondern im zwölften und dreizehnten sind in Frankreich und 
Deutschland die Werke entstanden, auf welche beide Völker in Wahrheit 
stolz zu sein vollberechtigt erscheinen.
        

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