Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1000521
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1005069
Verfall 
des Ritterthums. 
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der geistigen Bewegung inne gehabt hatten. Sie verkaufen jetzt ihre 
Kriegstüchtigkeit, suchen im Kriege einen Erwerb, sind zumal während 
der Zeit des lnterregnums Jedem, der sie gut zahlt, zu dienen bereit. 
Wer die Macht hat, sucht in diesen Wirren sich zu bereichern, ohne 
sich mit Gewissensscrupeln zu quälen. Der ärmere Ritter macht seine 
Burg zu einer Räuberhöhle, plündert die Reisenden aus, nimmt wohl- 
habende Leute gefangen und erpresst von ihnen ein Lösegeld. Schon 
dadurch hatten sich die ritterlichen Sitten gewaltig geändert; die feine 
höiische Gesittung, welche die Ünbändigkeit und Rohheit noch ge- 
zügelt hatte, kam mehr und mehr in Vergessenheit. 
Mit dem Hofleben trat die ritterliche Gesellschaft seit der Mitte 
des dreizehnten Jahrhunderts selten noch in Berührung, und so stellt 
sich denn bald auch ein Verfall der guten Manieren ein. Wie Ulrich 
von Lichtenstein in dem um 1257 verfassten Vrouwen buoch klagt, 
verkehren die Frauen nicht m.ehr so unbefangen wie ehedem mit den 
Männern; sie tragen keine schönen Kleider, verdecken das Angesicht 
mit dichten Schleiern und hängen sich Rosenkränze frömmelnd um 
den Hals. Es ist ihnen der frohe Lebensgenuss, der die frühere Zeit 
so liebenswürdig machte, schon fremd geworden. Die Männer haben 
allein an der Jagd ihre Freude, brechen früh Morgens mit ihren 
Hunden auf, kommen müde am Abend heim, und statt sich dann 
ihren Frauen oder den Damen zu widmen, verbringen sie ihre Zeit 
am Würfelbrett und trinken mit ihren Gesellen. Nur beim Becher 
werden sie lebendig: da rühmen sie sich ihrer Liebeserfolge. Ünd 
gut noch, wenn sie selbst in roher Genusssucht den Weibern nach- 
stellen, wenn sie nicht in unnatürlichen Lästern ihre Befriedigung 
suchen. Rudolf von Habsburg fand den Ritterstand schon so verderbt 
vor; er hatte weder Lust noch die Mittel, ihm wieder aufzuhelfen, und 
so mancher Dichter klagt laut über seinen Geiz (Jac. Falke, die ritter- 
liche Gesellschaft zur Zeit des Frauencultus, S. 159). Ottokar von 
Böhmen war noch reich und freigebig; aber seine Herrlichkeit fand 
ja ein jähes Ende. 
Die Dichtkunst ist in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahr- 
hunderts auch nicht mehr auf der Höhe, die sie um den Anfang des 
Jahrhunderts erreicht hatte. Wenn auch die Gedichte Konrads von 
Würzburg und seiner Zeitgenossen noch immer geschickt componirt 
sind und sich gut lesen, so sehen wir in ihnen doch nicht allein die 
hohen idealen Rittertugenden gefeiert, sondern es wird auch absicht- 
lich, um den Hörern zu gefallen, die Sinnlichkeit schärfer betont und 
und unverhohlener in den Schilderungen hervorgehoben, als dies, in
        

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