Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1000521
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1004620
Ancona 
Hungersnoth 
1172. 
379 
das War zu Anfang und seit Jahrhunderten. unerhört. Einige assen 
damals Hunde, Katzen (inusciprxlas) und Mäuse, Andere rieben Salz 
fein und säuberten es gut, kochten es dann in einer Pfanne mit (i)el 
und stärkten durch einen Trunk Wein die durch den Hunger ge- 
schwächten Lebensgeister. Viele nahmen auch Meer-Nesseln, die unter 
dem Wasser an den Steinen hängen, und assen sie in Oel gebacken. 
Diese Nesseln sind meist roth und sind keine Pflanzen oder Fische, 
sondern eine besondere Art von Wesen, das, so lange es roh ist, Gift 
enthält; deshalb treibt es mehr als Capsia  das Fleisch der Menschen 
auf. Aber da solche Speisen keine guten Säfte erzeugten, so wurden 
Aller Antlitze blass, und sie konnten sich kaum von der Stelle be- 
wegen, ausser wenn sie zun1 Kampfe eilten. Die Meisten waren so 
schwach, dass sie kaum bis zum Beginn des Kampfes den Schild tragen 
konnten, und doch fochten sie so ausdauernd, dass die Belagerer sich 
darüber höchlichst verwunderten. Die Kleinen forderten Brot, und 
wenn auch der da war, der es ihnen brechen sollte, so war keins zu 
brechen vorhanden. Es weinten die Mütter der kleinen Kinder, denn 
bei dem Mangel an Blutwärme ging ihnen die Milch aus, mit der sie 
ihre Säuglinge nährten. Wenn diese Milch zu saugen versuchten, 
fanden sie die Brüste gleichsam trocken und brachen in ein fort- 
währendes Weinen aus, weil sie keine Nahrung finden konnten; Wenn 
Einige ihreKinder säugten, so starben sie, und an den todten Müttern, 
an ihren Brüsten hingen Wieder die Kinder und so Wurden sie todt 
an dem Busen der Mutter gefunden. Als eine vornehme Dame ihren 
Säugling, einen Knaben, auf dem Arme trug, fand sie am Thore einen 
Schützen, der durch den übermässigen Hunger niedergestreckt dalag. 
Er erwiderte, dass er durch den Hunger gänzlich abgezehrt sei. Sie 
aber sprach: „Schon vierzehn Tage ist es her, dass ich nichts als ge- 
kochtes Leder esse, und kaum kann ich Milch für den Knaben haben. 
Jedoch, wenn du willst, so nimm die Brust und wenn du noch etwas 
herausziehen kannst, so stärke dich." Als er aber die Augen aufhob 
und sah, dass es eine vornehme Dame war, so sprang er erröthend auf, 
ergriif seine Armbrust und erlegte in kurzer Zeit vier der Belagerer. 
S0 ermahnten Frauen, Wittwen und Jungfrauen die Krieger be- 
ständig zum Essen.   In dieser Stunde kamen die Damen der Stadt 
in die Volksversammlung und boten sich selbst an; sie sagten: „Ist 
das Fleisch der Esel schmackhafter zu essen als das unsrige? Esst uns 
also auf oder werft uns ins Meer, denn wir halten es für ein kleineres 
Uebel zu sterben, als in deren Macht zu gerathen, denen die Wuth 
die Stelle des Gesetzes vertritt, welche die Untervvorfenen nicht schonen
        

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