Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-999879
Freude an 
verfänglichen 
Schilderungen. 
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Und nicht allein die Laien ergaben sich derselben, sondern auch die 
Geistlichkeit war, wie wir gesehen haben, keineswegs frei von derselben, 
sondern führte zum Theil ein recht anstössiges Leben. Aber die paar 
Beispiele beweisen doch wenig genpg für die ganze Zeit. Sicherlich 
ist die Lüderlichkeit damals nicht gering gewesen, jedoch eben so 
sicher handelt es sich doch nur um eine Minorität; die Masse des Vol- 
kes hat sich von ihr wohl frei gehalten 1). Man hörte gern davon spre- 
chen und deshalb erlauben sich auch die Dichter eher eine Freiheit; 
doch so wenig man aus den Ehebruchsdramen und -R0manen der heu- 
tigen Franzosen darauf schliessen darf, dass ganz Frankreich jenen 
Tendenzen huldige, wie die Immoralität dort nur in gewissen Kreisen zu 
Hause ist, Andre aber doch gern von jenen Geschichten hören und lesen, 
wenn sie selbst auch weit entfernt sind, jene Beispiele zu befolgen, 
so ist es, glaube ich, auch damals gewesen. Man folgte mit Spannung 
den Abenteuern des Tristan und "bewunderte die Schlauheit, mit der 
er seinen würdigen Oheim zum Hahnrei machte, man hörte gern von 
der Helden Liebesabenteuern und liess sich dieselben wohl auch ohne 
Bedenken unumwunden erzählen, 
in den Grenzen der Sittlichkeit. 
aber 
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blieb 
deshalb 
selbst 
doch 
Freude aber haben sie an verfänglichen Situationenu; selbst Wol- 
fram trägt dieser Neigung Rechenschaft und bringt in seinem Parzi- 
val hin und Wieder einen derben Scherz vorz). Zahllos sind die 
Schwanke und Fabliaux 3), in denen mit einer Deutlichkeit ohne Glei- 
chen die bedenklichsten Geschichten erzählt werden; aber gerade dass 
nichts versteckt wird, dass man alles beim rechten Namen nennt, nichts erst 
zu vermuthen und zu ergrübeln übrig bleibt, macht diese Geschichten 
erträglich. Der Scherz ist die Hauptsache; die oft anstössige Ein- 
kleidung desselben nahm man in den Kauf. Die Unterhaltung be- 
wegte sich auch mit Vorliebe auf diesem schlüpfrigen Gebiete, und 
das Gesellschaftsspiel, das Jean de Conde 4) in dem Gedichte „Le sentier 
battu" schildert, zeigt, dass selbst in den hoffahigen Kreisen Scherze 
1) Vgl. Vaublanc, La France au temps des Croisades II, 316 ff. 
2) Parz. 407, .2 ff; 552, 25 Hi; 643, 27 ff; 674, 3 ff.  Vgl. K. Kant, Scherz 
und Humor in Wolframk von Eschenbach Dichtungen (Heilbronn 1878) 93 ff. 
3) Gesammtabenteuel" hgg. von Friedrich Heinrich v. d. Hängen, Tübingen u. 
Stuttg. 1850,  Fabliaux et Contes publ. p. Bm-bazan, Nouv. Pldition angmentöw, 
p. Mäon. Paris 1808. 
4) Dits et eontes de Baudouin de C70nd6 et du m11 iils Jean de Crmdö pub, 
p. Aug. Scheler III, 299 (Brux. 1867). 
        

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