Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-999726
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VII. 
Sittenlosigkeit. 
Allgemeine 
zu bewahrend), suchen dieselben zur Nachtzeit in ihren Schlafkani- 
mern auf?) und ermuntern die Zaghaften 3). Und es Will fast scheinen, 
als ob die Dichter durchaus nicht übertrieben. Es werden uns von 
den Geschichtsschreibern unserer Zeit zu viele Fälle mitgetheilt, die 
darauf schliessen lassen, dass in der That die Sittenlosigkeit recht ver- 
breitet war. Viel trug dazu sicher bei, dass die Männer oft lange 
Zeit von Hause abwesend waren und ihre jungen Frauen dort allein 
zurückliessen. So erzählt Ordericus Vitalis (lib. IV, cap. 5), dass die 
Frauen der normannischen Ritter, die mit Wilhelm dem Eroberer nach 
England gezogen waren, „saeva libidinis face urebantur" und ihre 
Männer aufforderten, zurückzukehren, widrigen Falls sie sich andere 
Gatten verschaffen würden. Um dieser Schande zu entgehen, verlassen 
Hugo von Grentesmenil, Unfrid de Tilleul und Andere den König, 
obschon ihnen der Verlust ihrer eben erst ertheilten Lehen ange- 
droht wird 4). Brengien, die dem König Markes die Untreue der Isolt 
verräth, fragt den gläubigen Gatten, 0b er nicht das Sprichwort kenne, 
dass Gelegenheit Diebe mache: „O'1'tes unques la parole, Vuide chani- 
bre fait dame fole; Aise de prendre fait larrun Fole dame inuide 
(voide cf. lll, p. 59) maisun". (Tristan ed. Francisque-Michel ll, 11.18.) 
Bald konnte daher der Ritter sich der Liebe eines Mädchens er- 
1) Dem Gauvziin hat der Schlossherr vom Chäiteau du Port seine Tochter zu- 
gesagt, wenn er ihn von Gernemant de Norhomlaellande befreie. Gauvain tödtet 
denselben, und nach dem Abendessen wird ihm das Mädchen zugeführt. Ohev. 
es -ij- espees 4884: La pucele vestu avoit sans plus une blance cemise S'0t sor 
son cief Patace mise Dou mantiel trestout saingdement. Als sie allein sind 4912: 
Et il 1'0t prise entre ses bms Et li fait oster sa eemise. Puis a toute le reuhe 
prise Si Fa ruee aval ses pies u. s. W. Das Mädchen gesteht ihm, (lass sie ihre 
Pucelage dem Gauvain gelobt, glaubt nicht den berühmten Helden vor sich zu 
haben u. s. w. bis 5086. 
2) Die schöne Heidin Synamonde geht des Nachts zu Bztuduins ins Bett; er 
bekehrt sie zuvor und zeugt dann mit ihr den Bastart von Buillon. Li bustzu-s de 
Buillon 2512-2711: Quant lzt gaite cornu lassus ens ou dongon Dont ne pot Syim- 
monde plus faire arrestison.  Bauduins ist zwar verheirzmthet, tröstet sich aber 
(2442): „On zu sans marier souvent de bons del" " und sie nimmt daran nicht den 
mindesten Anstoss (2588): „P0ur ce se vous aäullier noble espousee, Elle n'est 
mie chi en le ehambre pavee." 
3) Der von Kiurenberk (HMS. I, 97) 5: „J0 stuont ich nehtin vor dinem bette, 
D0 getorste ich dich, vrouwe, niwet wekken." „Daz gehazze Got den dinen lip! 
Jo enwas ich niht ein eber wilde" so sprach daz wip. 
4) S0 entschuldigt auch Bauduins seiner Frau gegenüber seine Untreue. Li 
bastars de Buillon 3807: „Da,1ne", dist Bauduins, li bons roys de Surie, „Ouidies 
vous, quant je sui en terre paienie Un an ou deus ou trois, sans vostre conpztignie 
Et il avient que truis une dame jolie, Que le ehars ne nie soit per nuture c-imngiei".
        

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