Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-999708
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Gewaltthaten. 
begegnen wir in allen Gedichten solchen Situationen; in der Regel 
kommt zur rechten Zeit ein tapfrer Ritter, der die geangstigte Schöne 
befreit, oder dieselben wissen durch eigene Kraft sich aus der bösen 
Lage zu befreien 1). Freilich verschulden viele Frauen ihr Unglück 
selbst, indem sie ihren Bewerbern erst Freiheiten gestatten und dann, 
wenn diese weiter gehen, nicht mehr die Kraft haben, ihnen zu wider- 
stehen. Der Dichter vergleicht diese Situation mit der Lage einer 
Burg, deren Thor und Palisszidenwerk (hamit) man nicht gehörig ver- 
theidigt hat; haben sich die Feinde erst dort festgesetzt, so ist die 
erfolgreiche Vertheidigung der Burg immer sehr zweifelhaft?) Chre- 
stien de Troies liebt besonders solche Situationen ausführlich zu 
schildern 3).  
Auch die Frauen suchten oft niit Gewalt Männer sich gefügig zu 
machen. Die Heldin in dem Schwank "der Ritter mit der halben 
Birn" (Gesammtabent. I, 107) zwingt den in Narrenkleidern unkennt- 
lichen Bewerber geradezu, ihr zu Willen zu sein, und dass junge Stief- 
mütter ihren erwachsenen schmucken Stiefsöhnen entgegenkommen 
und, erst wenn ihre Pläne gescheitert sind, diese beschuldigen, sie 
mit Gewalt bedroht zu haben, das ist ein oft in den Dichtungen wieder- 
kehrender Zug 4). 
1) S0 erwehrt sich Galya des Orias (Karhneinet 162, 61-163, 34). -Herchen- 
baut will die Frau des Gui de Mayence bezwingen, Doon p. 6: Lors la giete cn 
-j- lit sus  point auqueton Si la cuide beisier ä. forche et a banden; Et ele 
lesse aler le poing de tel randon, Devant, parmi le nes, li donne tel frapon, Que 
il en out senglant le vis et le menton.  Aiol 6396: La pucele estoit lasse ne sc 
pot plus aidier, Quant il 1'0t abatue por avoec li couchier I1 ot t-raites ses braies 
por son cors aaisier. La pucele savanche, ne se vaut atargier Par entre vij- ses 
quisses li fait ses mains glachier Tant saprocha avant, par ses colles le tient Si 
Testiaint par vertu, qu'il ne pot aidier  fois se pasina ains qu'il dut redrecier. 
2) Ginöver ist von Gasozein entführt werden, der sie, als sie unter einer 
Linde rasten, bittet (Cröne 11660): „Daz er wan zeinein male Ir huf mit sinen hen- 
den Mit ir willen mueste wenden Bar under ir kleider." Ginöver weigert sich 
erst, erlaubt es aber endlich doch (11683): „Ginöver niht enkande, Daz ein burc 
wirt gewunnen, Sö die burgaere den vinden gunnen, Daz sie mit vride hie vor 
Entsliezent claz bürgetor Und gehüsent in daz haniit So ist bedenthalben ir strit- 
Verendet vil schiere. Mit offener baniere Die vinde clringent dar in, Sö scliinet 
danne ir unsin, Da enwirt vride noch suon." 
 3) Percev. 37108 ff.; 42756 1-11; Rom. de 1a Charette 1060 ü). 
4) WValewein 5316; Lucemiens, der Sohn des Dolopathos, stellt sich bei seiner 
Rückkehr ins Vaterhaus auf Befehl clesVirgil stumm; als alle Versuche, ihn zum 
Sprechen zu bewegen, gescheitert sind, übergiebt ihn die Stiefmutter ihren Damen, 
welche den Jüngling zu verführen suchen (Dolop. p. 128 15H); da auch dies Mittel
        

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