Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-999620
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VII. 
Minne. 
schliesslich aus scharfgewürzten Fleischgerichten bestehende Kost, der 
Genuss von berauschenden Getränken brachte das Blut noch mehr in 
Wallung; zu viel Wissen beschwerte ihren Kopf nicht, und mit Ge- 
wissensscrupeln wusste man sich schon abzuiinden 1). Und ebenso 
vollsaftig und begehrlich sind die Mädchen aufgewachsen 2): solchen 
Naturmenschen ist mit platonischer Liebe nicht gedient. Guibert von 
Nogent charakterisirt seine Zeitgenossen folgendermassen: "So waren 
überhaupt allgemein die Sitten, dass, wenn sie nicht der Liebe nach- 
gingen, sie bei jeder Gelegenheit sich grausam zeigten. Wie sie 
nämlich nie die Gattenpilichten respectirten, so konnten auch ihre Ge- 
mahlinnen allein sie nicht davor zurückhalten, bei Dirnen und ande- 
ren Weibern ihr Glück zu versuchen  
Die Geistlichkeit gab den Laien keineswegs ein Vorbild der Ent- 
haltsamkeit. Weltgeistliche wie Mönche sind der Sünde der Luxuria 
nicht minder ergeben als die Weltkinder, und es wurde damals schon 
geradezu mit Beifall begrüsst, wenn sich ein Kleriker eine bestimmte 
Geliebte hielt. Das schon oft erwähnte Fragment "de rebus Alsaticis" 
äussert sich über diese Frage 1nit löblicher Offenheit: "Um das Jahr 
1200 hatten auch die Priester ziemlich allgemein Beischläferinnen, 
weil gewöhnlich die Bauern sie selbst dazu antrieben. Dieselben sag- 
ten nämlich: Enthaltsain wird der Priester nicht sein können; es ist 
1) Als Karl der Grosse auf seinem Zuge nach dem heiligen Lande in Con- 
stantinopel angelangt ist, wird er vom Kaiser freundlich empfangen und des Abends 
mit seinen Pairs in ein Gemach einquartiert. Vor dem Einschlafen ainüsiren sie 
sich durch Prahlereien (Oharleinagne p. 27): „Si est tel custume en France a Paris 
et a Cartes, Quant Franceis sunt culchiez, que si guivent et gabent E si 
dient ambure e saver e folage." Da renommirt Olivier, er wolle, wenn er bei der 
Kaisertochter schlafen dürfe, ihr hundertmal seine Manneskraft beweisen. Die 
Gäste sind aber belauscht worden und werden nun gezwungen, bei Tbdesstraie 
die Prahlereien auszuführen. Olivier wird zu der Jungfrau gelegt, bringt es je- 
doch nur auf dreissigmal; er hat aber dein Mädchen so gefallen, dass sie ihren 
Vater belügt (p. 30). 
2) König Ottokar von Böhmen hinterlässt zwei Töchter; eine derselben geht 
ins Prager Claren-Kloster, tritt aber bald wieder aus (Ottokar CLXX): „Wann ir 
ward ze tragen swer Des magtumbs purd. Wie sy des entladen wurd, Daz mag 
ich so ploz nicht gesagen: Mztn sol dacz Prage darumb fragen; Da weiz man wol 
ir leben.  Später heirathet sie Boleslaw von Polen. 
3) Ex Guiberti abbatis de Novigento Monocliaruin libro tertio (Bouquet, Rec. 
XII, 260): Tales plane utrobique fuere mores, ut cum Veneris non parcerent in- 
differentei" operibus, non minus tainen inio amplius iierent mox praebita oecasione 
crudeles. Sicut enim haud jura nunquain maritalia tenuere ita nec illum unae 
conjuges a scortorum poterant et externaruin carnium rivalitatibus cohibere.
        

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