Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-999346
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Gesellschaftsspiele. 
mussten 1). Ein anderes im Karlmeinet (p. 184, 45-185, 59) beschrie- 
benes Spiel verstehe ich nicht recht. Der Ritter Godyn verehrt die 
Orie; als nun die Damen Gras pflücken, schlägt Gallia ihrer Freundin 
Orie vor, den Liebhaber zu necken. Dieser hat irgend etwas im Spiele 
versehen 2), und zur Strafe werfen ihm die Damen, eine nach der an- 
dern, Gras in den Mund, nur Orie nimmt dazu Erde. Der Ritter 
hustet und besprudelt alle, und das scheint eben der Spass gewesen 
zu sein. 
Auf einem Elfenbeinkästchen der Bibliothek zu Ravenna ist das 
Spiel dargestellt, Welches wir jetzt warme Hand, main chaude, nennen. 
Ein junger Mann ist vor einer Dame niedergekniet, hat sein Gesicht 
in deren Schooss gedrückt und hält eine Hand auf den Rücken; die 
anderen Spielgenossen schlagen ihn auf jene Hand und er muss ihre 
Namen errathen. Welches Spiel das Pendant zu diesem Relief be- 
deuten soll, habe ich nicht ermitteln können. 
Ein anderes Gesellschaftsspiel beschreibt Jehan de Conde in 
dem verfänglichen Schwanke Le sentier battu (Oeuvres de Baudouin 
et de Jean de Conde, publ. p. Scheler HI, 299). Es heisst „le roi 
qui ne ment pas". Ein König wird gewählt, und dem müssen Alle 
der Wahrheit gemäss antworten, wie beschämend auch seine Fragen 
sein mögen.  
Lieber als alle diese Spiele war den jungen Leuten aller Stände 
der Tanz. Welcher Art die Tänze gewesen sind, das ist schwerlich 
noch festzustellen. Man unterscheidet Tanzen und Reien 3), Danser 
et Caroler 4). Der Reigentanz scheint der gewöhnlichere gewesen zu 
sein: eine lange Kette von Mädchen und Rittern in bunter Reihe folgte 
1) Karhneinet p. 173, 50: Dar da, speylden sy gewysse, We den anderen soulde 
drangen. Nw quam yd, so ich horde sagen, Dat Orie soulde Godyne Dragen; We 
dat sy de pyne Ummer mochte gelyden, Dat moeste Wesen zo den zyden. Orie 
Taegonde do mit maessen Godyn heuen incl vassen, Op eren hals wys incl clar. 
Nw was yr Godyn zo swaer, So dat de schone in aller vaer Vur eme boeeh als 
eyn haer Dar neder up de erde.  Godyn benutzt die Gelegenheit, ihr einen 
Kuss zu rauben. 
2) Karlmeinet p. 185, 15: NW quam yd doch zo den Sachen, Dad: Godyn an 
syner haut Des grases bleiff eyn michel pant, S0 hey zo speiles vore Moeste genen 
offenbare, Bis eme de vrauwen zo der stunt Des grases worpen in den munt, De 
eyne vur, de ander na. 
3) Chuonrat der Schenke von Landegge XVIII, 1 (HMS. 1, 361): Wir suln 
tanzen, springen, reien.  von Stamheiln 2 (HMS. II, 77): Tanzen unde reien.  
Lohengr. 1685: Buhurdieren, tanzen, reien, des wart vil. 
4) Erec 2037: Puceles querolent et dancent.
        

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