Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-999193
Aussiitzige. 
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Engelhard Genesung findet, so bezwecken diese Geschichten doch nur, 
zu zeigen, wie grosse Opfer wahre Liebe und wahre echte Männerfreund- 
Schaft zu bringen im Stande sind. Sobald einer von dieser grauen- 
erregenden und vor allem ansteckenden Krankheit befallen war, musste 
er alles, Hab und Gut, Weib und Kinder im Stiche lassen, seiner Herr- 
schaft entsagen 1). Der Freund des Engelhard lässt sich in der Nähe 
seiner Burg auf einer Insel ein Häuschen bauen, nimmt Knechte und 
Mägde, Speise und Kleidung mit und lebt dort ganz einsam. Zuerst 
besuchen ihn noch Freunde und Verwandte, aber auch das hört all- 
mälig auf. Da lässt er sich zu seinem Freunde Engelhard bringen, 
der ihn aber trotz aller Liebe doch nicht in seiner Burg aufzunehmen 
wagt, sondern ihm an abgelegener Stelle ein Häuschen bauen lässt 2). 
Im Amis et Amiles wird der Kranke von zwei Sklaven in einem Roll- 
stuhle nach seinem Bestimmungsorte gefahren 3). 
Unter den wahnsinnigen Streichen Ulriehfs von Lichtenstein ist 
keiner widerwärtiger, als dass er, um seiner Geliebten zu nahen, sich 
unter die Aussätzigen mischt, die vor ihrem Schlosse lagern. Er kennt 
eine Drogue, welche die Symptome des Aussatzes hervorbringt 4), lässt 
sich Bettlerkleider besorgen und dazu einen hölzernen Napf 5) und geht 
so vor die Burg, wo schon dreissig solche Ünglückliche versammelt 
sind, die ihn als Concurrenten mit scheelen A,ugen ansehen. Sie 
klopfen an ihre Näpfe, um die Aufmerksamkeit zu erregen, und be- 
kommen von der Burgherrin Geld, Brot, Fleisch und Wein G). Wenn 
man bedenkt, dass Jedermann sich hütete, mit einem Aussätzigen in 
Berührung zu kommen, die Krankheit für überaus ansteckend galt, so 
erscheint Ulrichs Narrheit recht albern und widerwärtig; aber noch ent- 
setzlicher ist die Rache, die im französischen Tristan König Marke 
an der lsolde nehmen will, indem er sie zwar begnadigt, als Ehe- 
brecherin den Feuertod zu erleiden, dagegen sie an einen Aussätzigen 
und dessen Genossen zur freien Verfügung überliefert. 
1) Exigelli. 5216: Im wart enzücket sin gewalt An liuten unde an lande; 
Cf. 5281 1T. 
2) Engelh. 5221-5802. 
3) 2620: Li serf Pentendent, joiant en sont et liä, Ä 1a chzbrrete s'0nt prins im 
charroier, L'uns trait devant, Pautres boute derrier. 
4) Frauend. p. 336, 29: Mir ist noch hiut diu würze kunt, Swelh man ge- 
neems reht in den munt, Daz er dä von geswülle gar Und daz er wurde als misse- 
var, Daz er waer immer unbekant. 
5) Fmuend. p. 329, 17: Die naht was ich in einer staut, Dar inne ich mir be- 
reiten bat, Üzsetzen nepfe und swzichiu kleit. 
6) Frauend. p. 330-335.
        

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