Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger
Person:
Schultz, Alwin
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-994665
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-996757
Anrede. 
Schönheitsideal. 
165 
Jeder adlig geborene Mann hatte Anspruch auf den Namen Herr 
(dominus); war er noch jung, hatte er besonders noch nicht die Ritter- 
würde erlangt, so hiess er Jungherr (domicellus, afr. damoisel, danzel). 
Ebenso wurde jede Dame adligen Standes, ob verheirathet oder nicht, 
gleichviel, Frau (vrouwe, mlat. domina, fr. dame) genannt 1); solange 
sie noch jung ist, heisst sie Jungfrau (juncfrouwe, mlat. domicella, afr. 
damoiselle, danzelle), zumal wenn die Mutter des Gemahles, die dann 
altvrouwe genannt wird2), noch lebt. Ein Mädchen kann also die 
Maitresse eines Ritters sein, es kann längst in der Ehe leben, Kinder 
haben und doch heisst es noch immer Jungfrau 3). Was wir nach 
heutigem Sprachgebrauch Jungfrau nennen, drückt man damals mit 
dem Worte maget (afr. puciele) aus; dem gegenüber steht die Be- 
zeichnung Wip. Durch die Vollziehung der Ehe wird eine maget 
zum Wip. 
Die Heldinnen und Helden unsrer Romane sind immer sehr schön; 
wie sie alle denkbaren guten Charakter-Eigenschaften haben, so er- 
freuen sie sich auch einer tadellosen Schönheit der äusseren Er- 
scheinung. Die bösen Menschen, die in den Erzählungen vorkommen, 
sind dagegen von Grunde aus verderbt und auch in ihrer Gestalt durch 
auffallende Hässlichkeit gekennzeichnet. Durchschnittsnaturen, ebenso 
wie massig hübsche alltägliche Erscheinungen werden weder in der 
Poesie noch von der bildenden Kunst uns vorgeführt. Es ist daher 
leicht, wenn man die Schilderungen der schönen Frauen und Männer 
zusammenstellt, zu ermitteln was damals für schön galt, ebenso wie 
man feststellen kann, was man für unschön und hässlich erachtete. 
Ich habe über diese Fragen ausführlich gehandelt in meiner Habili- 
tationsschrift, die ich 1866 unter dem Titel „quid de perfecta corporis 
humani pulchritudine Germani saeculi Xll .et Xlll senserint" ver- 
öffentlichte, da die Belege zusammengestellt und kann mich daher 
wohl der Mühe übel-heben, dieselben hier noch einmal vorzuführen. 
lm Allgemeinen galt damals für schön, was auch dem Römer und 
Griechen, was ebenso uns heute noch so erscheint, indessen ist man 
1) Die Gattin des Meisters Erwin, des Baumeisters des Strassburger Münsters, 
war sicher adliger Herkunft, du sie auf ihrem Grabsteine ausdrücklich dominzi 
Husa, genannt ist. 
2) S0 heisst Mai u. Beaü. p. 130, 28 die Schwiegermutter der Bääiilor die alt- 
vrouwe. 
3) z. B. Alphart 108: Dar kom ein juncvrouwe, diu hiez Amelgart  die 
mahnt Alpharb, bei ihr zu bleiben, denn ihr Vater 109: „Er gap mich dir ze wibe, 
Wem wiltu mich län."
        

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