Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2197
Auch die spielenden italiänisch-gothischen Formen an der Mon- 
stranz scheinen dem Schlusse des XIV. Jahrhunderts als Entste- 
hungszeit des vorliegenden Stoffes das Wort zu reden. Da derselbe 
sich an einem Bruchtheile einer fast ganz verschlissenen alten Dalma- 
tica im Dome zu Halberstadt befand, so ist es sehr Wahrscheinlich, 
dass vor dem Auftreten des Protestantismus im genannten Hochstifte 
ein vollständiger Altarsornat (capella) sich in diesem reichen Stoffe 
vorfand, der Wahrscheinlich am Itrohnleichnamsfestc oder auch 
bei sacramentalischen Proeessionen gebraucht wurde; auffallend 
bleibt es allerdings, dass die Grundfarbe fast dem Hellviolet nahe 
kömmt, obschon nach den Rubriken die Weisse Farbe am Feste 
Corpus Christi und in der Octav vorgeschrieben ist. 
Um die Kunst der Figurenweberei in Italien auf der Höhe 
ihrer technischen und künstlerischen Vollendung zu zeigen, mag 
hier auf Tafel XIII noch eine Abbildung eines Gewebes folgen, 
welches, Wie die treue Copie zeigt, darstellt: den Beginn des Er- 
lösungswcrkes, die Verkündigung. Der Engel Gabriel mit der 
Lilie in der Hand begrüsst Maria, „die Gebenedeite unter den 
Vveibern", in knieender Stellung, wie das auf altitaliänischen Dar- 
stellungen der Anuntiatio meistens der Fall ist, und zeigt ihr an, 
indem der h. Geist in Gestalt einer Taube sie überschattet, dass 
sie die Mutter des Höchsten werden sollte. 
Der Künstler hat die Hochbegnadigte dargestellt, wie sie de- 
müthig den Gruss des Engels zu erwidern scheint mit den Wor- 
ten: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach dei- 
nem Tvorte." 
Der jetzt sehr erloschene Grundfond des zarten Gewebes war 
ein leichtes Hochroth; die ganze Scene ist in feinen Goldfäden 
durch den Einschlag (trame) zum Vorschein gebracht. Von be-e 
sonders zierlicher Bildung ist der leichte Baldachin in Gold, der 
sich über der allerseligsten Jungfrau befindet. 1) 
1) Von verwandter Detailbildung sind auch die alten Cyborien, auf vier Pfeiler- 
biindcln ruhend, in mehrern ältern Basiliken Ronfs, z, B, in Sh Johann in 
Lateran und in der Basilika von St. Paul. Dieselben sind Nachbildungen der 
frühem ältern Ciborien- Altäre in der italiäniseh-gothischen Formen- 
spielerei des XIII. und XIV. Jahrhunderts. Der Italiäner hat nämlich nie 
den constmctiven Ernst und die Gesetzmäßigkeit jener Kunst, die ihm über 
die Berge gekommen war, begreifen können; er nannte sie deshalb die "go- 
thisohe", d. h. die barbarisehe. weil sie seinem Kunstgefühl, das sich nie so 
recht von der Antike trennen konnte, llnverdaulich vorkam. Da, er mm der 
Gothik, die sich gewaltsam bis in den Süden Italiens Bahn brach, nicht aus- 
weivhen konnte, so benutzte er oft auf eine kleinliche Weise ihre Fol-mbi]. 
(jungen, um zu ornementiren; das Construiren aber mit denselben wollte ihm 
nicht gelingen.
        

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