Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2165
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heute leider eine moderne, nur kurz dauernde Herrlichkeit von 
Lyoner Flitterstoffen vorzuweisen haben, so findet der aufmerk- 
same Forscher doch noch in den alten Dogen-Palästen Genuays, 
in den Sälen der reichen Nobilrs zu Venedig und Florenz und in 
den alten Prachtgemächern vieler römischen Principäs unter kost- 
baren Teppichen aus der goldenen Zeit der Mediceer und des 
spätern üppigen Perückenthums alte Behänge (tentures) mit klei- 
nern religiösen Darstellungen, als retournirende Dessins, durch- 
webt, die von dem grossen Einflusse der Malerschtllen und Maler- 
buden Italienis im XIV. und XV. Jahrhunderte auf die WVcberei 
Zeugniss ablegen. 
Da in Italien im Anfange dieses Jahrhunderts die Träger der 
Freiheit und Gleichheit, in Verband mit der Habgier eines ver- 
sunkenen Pöbels, mit seltener Frechheit, wie in keinem andern 
Lande, an dem langjährigen Eigenthume der Kirche sich vergrif- 
fen, so kann man sich nicht Wundern, dass jene heut so selten 
gewordenen Stoffe mit bildlichen Darstellungen, die früher Jahr- 
hunderte hindurch einen unbestrittenen Ehrenplatz in den Sacri- 
steien der Kirchen inne hatten, häufig in den Besitz der Kinder 
Israelis gelangten. Diese hatten, unbekümmert um das Alter und 
den historischen Kunstwerth solcher reichen Kirchenornate nichts 
Eiligeres zu thuen, als dieselben zum Ausschmelzen unter die Glas- 
glocke zu bringen; nur jene Stoiie, deren Verbrennen keine reiche 
Goldernte versprach, verfielen dem Schacher und haben seit jener 
Zeit in den Ghettos Italienis unbekannt sich erhalten. Daher fan- 
den wir denn auch zuweilen merkwürdige Reste von Stoffen un- 
serer Sammlung aus der interessanten Periode der italiänischen 
Bildweberei in den Ghettos von Venedig, Mailand, Florenz, 
Rom, Neapel, Palermo, und es gehörte nicht wenig Resignation 
den vollends von der Habsucht und Zerstörungswuth der Franzosen-Herrschaft 
in Italien zerstört. In der altehrwürdigen, heute noch trotz. so vieler Stürme 
blühenden Erstlings-Stiftung des h. Benedietus, Monte Cassino, wo wir in den 
reichsten Stoffen die Geschichte der Weberei und der liturgischen Gewänder 
des Mittelalters nach Angabe des Anastasius Biblioth. noch zu finden geglaubt 
hatten, mussten wir eine unerwartete schmerzliche Enttäuschung erfahren. Dom. 
Tosti, bekannt als hervorragender Historiker, hatte die Gefälligkeit, uns bei 
einem mehrtägigen Aufenthalt die wenigen noch erhaltenen Merkwürdigkeiten 
des Klosters und der Kirche zu zeigen. Auf die dringliche Frage nach den 
alten liturgischen Gewändern zeigte uns der würdige Prior mit Bedauern die 
heut leeren prachtvoll geschnitzten Gewandsehränke, zugleich aber auch die 
Schwarz augebrannten Stellen auf dem Fussboden der Kirche, wo die soge- 
nannten Beglücker Italiens in ihrer Goldgier die historisch-merkwürdigen al- 
te" Pmcblgewänder von Monte Cassino gegen Schluss des vorigen Jahrhun- 
derts ausgebrannt hatten,
        

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