Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-2119
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Bei dem vorliegenden Ornament brauchte man also eine sym- 
bolische Deutung nieht mit den Haaren herbeizuziehen, sondern 
sie ergäbe sich einfach dadurch, dass man auf die sehr verständ- 
liche Zeichnung den schönen Spruch des 41. Psalms Vers 2 in An- 
wendung brächte: ,.Wie der Hirsch verlanget nach den Wasser- 
quellen, so sehnt meine Seele sich nach Dir, o Gott!" 
Zwei müde Hirsche an einer Kette, auf blumigem Grunde 
ruhend, werfen die Nacken auf zur Höhe, woher Lichtstrahlen 
ausgehen und der Thau herniederträiifelt; in der Nähe erblickt 
man junge Adler. 
Der an der Kette beßndliche müde Hirsch 1) mag hier versinn- 
bildet werden mit der lebensmüden Seele des Menschen, die, noch 
von der Fessel des irdischen Körpers gehalten, nach Trost und 
Stärke m18 der Höhe verlangt, wohin sie, als ihrem einstigen Va- 
terlande sehnsuchtsvoll ihren Blick wendet. Dass überhaupt in 
kirchlichen Gewändern des XIII. und XIV. Jahrhunderts der 
Hirsch eine nicht unbedeutende Rolle "spielt, kann man zur Genüge 
ersehen in den alten Beschreibungen des "thesaurus ecclesiae" aus 
jener Zeit; so heisst es, um aus den vielen bloss eine anzufüh- 
ren, bei der Visitation des Schatzes der St. Paulskirche zu Lon- 
don, vorgenommen 1295:?) „Dcsglcicheu ein hlessgewvand von 
veinem rothen Seiden- und Goldstoffe mit Pflanzen und Hirschen 
„in Goldfäden durchwebt." Bei Besichtigung der grossartigen 
Schätze des nördlichen Deutschland's an altkirchlichen Cultgewän- 
dern, die sich, meist ilngekannt und oft dem Verderben und Ver- 
komlnen preisgegeben, in protestantischen Kirchen, aus der katho- 
lischen Zeit stammend, noch heutzutage vorfinden, kann man ein 
Bedauern nicht unterdrücken, dass nämlich heute die WVeberei und 
Stickerei im Dienste der Kirche in ihren meist dürren und abge- 
lebten Compositionen so pocsielos, so {rostig und monoton gewor- 
den ist, und dass die Kirchenstoiie überhaupt es vcrschmähen, die so ge- 
fügigen und zierlichen Thierornamente in den Cyclus ihrer Darstellun- 
gen mit aufzunehmen. In den Kirchen zu Danzig, Stralsund, 
Brandenburg, Halberstadt, Braunschweig finden sich noch eine 
1) Der auf Tafel LY mitgetheilte Stoff, dessen Fond ein rothseidenes Satinge- 
webe zeigt und dessen Zeichnung durch den Einschlag in Goldfärlen gebildet 
wird, fand sich an einer alten Stola in dem Ghetto zu Palermo; ganz genau 
dasselbe Muster fanden wir auch an einem ältern Messgewanrle im reichge- 
füllten "Zither" der Domkirche zu Halberstadt; nur ist hier das Gewebe ein 
 zarter, weisser Damast. 
2) The history of St. Paul's Cathedral in London etc. appenrlix Nr. XXVIII, 
pag. 318, C01. 2.
        

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