Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1994
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weder der Urstoff des gedachten Fadens angeben, noch ein Nach- 
weiss führen, mittels welchen Bindemittels auf dem zarten Riemen- 
faden eine solche schöne und solide Vergoldung aufgetragen wer- 
den konnte. Die Ansicht gewichtiger Stimmen sprach sich dahin 
aus, dass die Substanz des Fadens kein animalisches, sondern ein 
vegetabilisches Product sei. Man war der Meinung, diese Fladen, 
welche auf der Kehrseite das Aussehen einer zarten Pfianzenrinde 
bieten, rührten von einem faserreichen Gewächse her (etwa der 
Papyrusstaude, dem Byssus? Diese feinen Pflanzenhäutchen 
(Bast) waren im Oriente in grossen Quantitäten auf der einen 
Seite vergoldet werden, und bis inls späte Mittelalter den oeeiden- 
talischen Webereien als fertiges Goldgespinnst, als WVaare zuge- 
kommen. 
Im Vorhergehenden haben wir in gedrängten Zügen das 
Entstehen der Seidemnanufactur im Occidente, auf Sicilien und im 
maurischen Spanien nachzuweisen versucht; da nun aber durch 
das rasche Emporblühen der Seitenindustrie, durch den betriebsa- 
men Kunstfleiss der Normannen und Saracenen in Sicilien und der 
Mauren im Königreiche Granada den seitherigen grossen Mono- 
polisten von Seidenstoffen in Byzanz, Alexandrien, Antiochien, 
Tyrus, Damascus, Bagdad, Jspahan etc. eine bedeutende Concur- 
renz erwuchs, so wäre es hier wohl an der Zeit, nachzusehen, ob 
auch mit der Entwickelung der Seidenmanufacturen im Occidente, 
mit der erhöhten Productionskraft die Consumtion von Seidenstof- 
fen im XII. und XIII. Jahrhunderte gleichen Schritt hielt. 
Das Abendland hatte unaufhaltsam fast 200 Jahre hindurch 
Schaaren jugendlich frischer Streiter in den Orient gesandt. Die- 
selben gründeten nicht allein im h. Lande, nach gewaltigen An- 
strengungen, vorübergehend kleinere Königreiche, sondern es ge- 
lang den Lateinern auch, im Beginn des XIII. Jahrhunderts den 
morschen Thron des oströmischen Reiches umzustürzen. Die 
Sieger, welche nach Einnahme S0 Vieler blühenden Handelsstädte 
in dem fast unermesslichen Besitze der Schätze des Qrientes sich 
befanden, lernten jetzt Bedürfnisse kennen, deren Abgang sie 
früher im Abendlande nicht verspürt hatten; sie gewannen den 
Luxus, den Pomp und die Genusssucht der Besiegten lieb. 
Was Wunder nun, wenn deutsche, französische und englische 
Ritter diesen liebgewonnenen Hang nach Luxus und orientalischer 
Ueppigkeit mit in die rauhere Heimath verpflanzten, zumal die 
bis zum XV. Jahrhunderte seltener Brochirungen in Gold vorkommen, son- 
dern zur Darstellung von Golddessins in der Regel der Goldfaden als Ein. 
schlag der ganzen Breite der Kette entlang durchläuft.
        

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