Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1841
 
durfte es noch lange Zeit, ehe Europa von der einfachen mecha- 
nischen F abrication glatter Seidenstotfe zu der mehr künstlichen 
Production von figurirten Seidengeweben übergehen und eine 
solche Menge von Zeugen liefern konnte, wie es eines Theils der 
steigende Luxus, andern Thcils der bereits entwickeltere christliche 
Cultus, zu liturgischen Zwecken, beanspruchte. Dass auch bereits 
im VII. und VIII. Jahrhunderte bedeutende Scidenwirkereien in 
Aegypten (Alexandria), in Syrien (Antiochien und Damascus), in 
Arabien und Kleinasien bestanden, geben wir unbedingt zu, indem 
diese Länder, gleichwie die obenerwähnte Insel Coos und Cypern, 
ebenfalls die Rohseide aus den östlichen Provinzen Asiens (Assy- 
rien, Indien) durch persische und phönizische Schiffe bezogen und 
für den Handel in Stoffe verarbeiteten. 1) 
Welche waren nun die Hauptstapelplätze für Seidenzeuge im 
frühesten Mittelalter, und durch wen und auf welche Weise ge- 
langten die kostbaren Producte des Orients auf den Markt des 
Occidentes. Der bekannte Mönch von St. Gallen gibt uns als Er- 
wiederung auf die letzte Frage an, dass bereits zur Zeit CarYs des 
Grossen die Venetianer den Handel mit Seidenstoffen in Händen 
hatten und dass sie aus den Ländern "über Meer" alle Schätze 
des Orients herbeiholten. 1) Aber auch Griechen, von jeher schlaue 
Handelsleute, und insbesondere syrische und phünicische Juden 
betrieben um jene Zeit einen ausgedehnten Handel mit kostbaren 
Seidengeweben. 
Dass die Kinder Israels schon damals ihre gewaltige Vorliebe 
für Handelsgeschäfte nicht verleugneten, geht aus einer andern 
Erzählung desselben Mönches hervor, worin er angibt, dass Carl 
der Grosse einem seiner Hofleute, der Sammler von Curiositäten 
war, einen Streich spielen wollte. Man fand nämlich einen Juden, 
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i) Durch diese Annahme wird das geschichtliche Factum der Absendung zweier 
Mönche nach Indien durch Kaiser Justinian in keiner Weise alterirt, indem 
ja. heute nochnlie grossen äeidenmanufacturen zu Lyon, Crefeld, Elberfelsl, 
des Rohmaterial von auswarts, aus Itahen, der Levante ete., in grossen 
Quantitäten beziehen und zu verschiedenen Geweben verarbeiten. 
2) Bei der nämlichen Gelegenheit erzählt uns derselbe Benedictiner von St. 
Gallen die bekannte Anekdote, die Zeugniss ablegt von der Einfachheit des 
grossen Kaisers: „Erat enim imblifera. dies et frigida et ipse quidem Carolus 
habebat pellieium herbieinum   Ceteri vero, ut potc feriatis diehus et qni 
modo de Papia venissent, ad qnam nuper Venetici de transmairinis partibus 
01111168 Orientalium divitias advectassent, Phoenicumque pellibus avinm Sericu 
eircumdatis et pavonum collis cum tergo et clunis mox Horeseere incipienti- 
busv iryrla- Pürpura, vel diaeedrina litra decoratis, alii de lodicibus, quidaxn 
de ghTibllS Circumamicti procedebant etc. Monach. San. gall. lib. II, de re- 
bus bellicis Caroli magni cap. XXVII.
        

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