Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1814
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Bei der Seltenheit von Seiden- und Goldstoffen von der er- 
sten christlichen Zeitrechnung bis zum Beginne des VII. Jahrhun- 
derts ist es erklärlich, wenn erst in der letzten Hälfte des VII. 
Jahrhunderts Anastasius in der Lebensbeschreibung des Papstes 
Benedict II. a. C. 684 bloss gelegentlich im Vorbeigehen von 
einzelnen kostbaren Stoffen und Geweben spricht. 
Bei den Päpsten aus der letzten Hälfte des VIII. Jahrhun- 
derts von Hadrian a. C. 772 bis zum Antritte des Pontiücates 
Hadrianfs II. S67 macht sich Anastasius in der Lebensbeschrei- 
bung eines jeden der 12 Päpste, dessen Regierungszeit innerhalb 
des angegebenen Zeitraumes fallt, ein weitläufiges, den Leser fast 
ermüdendes Geschäft daraus, die Zahl, den Stoff und die Dessins 
jener kostbaren Gewebe anzugeben, die in so grosser Menge und 
zu so vielen decorativen kirchlichen Zwecken von den Päpsten 
dieser Periode den Kirchen Roms und Italiens als Weihgesehenke 
verehrt wurden. 
Fragt man nun, nachdem Anastasius in Bezug auf "Webeart, 
Farbe und Zeichnung der Seidengewebe vor dem X. Jahrhunderte 
in etwa Auskunft ertheilt hat, waren die Gold- und Seidenstoffe 
mit figurirten Dessins, wie sie der gedachte Geschichtschreiber 
massenweise anführt, gestickt oder eingewebt? so wird es schwer 
halten, auf diese Frage eine bestimmte Antwort zu geben, indem es 
dem Anastasius als gclehrtem Biograph gewiss sehr fern liegen 
musste, bei den päpstlichen Schenkungen überall als Sachkenner 
zu bestimmen, 0b der dieser oder jener Kirche gewidmete Pracht- 
stoff in seinen mit Dessins ornamentirten Theilen ein Gewebe 
(opus textile) oder eine Stickerei (acu pictum) war. Mit Grund 
kann man annehmen, dass eine grosse Menge der angeführten, in 
Stoffen dargestellten Sccnerien nicht einem opus textile, sondern 
der Stickerei (opus phrygiculn) angehörten. 
J n einem folgenden Capitel, das die Kunst des Stickens für 
kirchliche Qrnate ausführlicher behandeln Wird, soll die eben an- 
geregte Frage des Weitern erörtert werden. Hier liegt uns nur 
noch der Punkt zur Untersuchung vor: welche Völker waren im 
frühesten Mittelalter in dem Besitze des einträglichen Geheimnisses, 
aus dem zarten Gespinnste der Seidenraupe kostbare Gewebe an- 
zufertigen, und in welchen Ländern hat zuerst die Seidenfabri- 
cation von der niedern Stufe des Handwerks sich zur Höhe gines 
sehr geachteten Kunstgewerkes erhoben? 
Um nicht Gefahr zu laufen, bei dieser Erörterung das vor- 
liegende Capitel der geschichtlichen Entwickelung der Seidenindu- 
strie auf Kosten der übrigen nachfolgenden Materien auszudehnen,
        

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