Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-6455
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gelöst sein, worüber viele Schriftsteller des Alterthums und der 
neuern Zeit vielfach hin und her gestritten haben, indem sie 
behaupteten, es liesse sich ein Gewand mit Aennel in seiner 
Ganzheit, allein durch die Spule des Webers, ohne die Zuthat 
der Nadel, unmöglich anfertigen. Besonders auffallend muss es 
erscheinen, dass in den letzten Jahrhunderten, ja selbst bis in 
die neueste Zeit, der ungenähete Rock des IIeilandes, der von 
den Kriegsknechten nicht berührt wurde, namentlich von deut- 
schen Gelehrten hinsichtlich der eben aufgeworfenen Frage derart 
zertheilt worden ist, dass nicht nur eine ehrwürdige Tradition, 
sondern auch die früher citirte Stelle beim Evangelisten Johannes 
vollständig bei Seite geschoben wurde. Diejenigen, die auch bis in die 
letzten Zeiten die technische Anfertigung eines Leibroekes mit Aer- 
nxel durch die Websptilc für unmöglich hielten, sollten sich daran 
erinnert haben, dass Ciampini in seinem gelehrten Werke 1) in einer 
bcsondern Abhandlung die Möglichkeit der Anfertigung von Ge- 
wändern ohne Naht durch.die Kunst des Webers nachweist und 
zugleich auf den berühmten virgilianischen Codex in der Vatica- 
nischen Bibliothek aufmerksam macht, in welchem in einer deut- 
liehen Zeichnung die Verkehrung und der Webstuhl alkgebildet 
ist, auf welchem im Alterthum solche Gewänder ohne Na t ange- 
fertigt zu werden pflegten. Ferner muss auch noch darauf hinge- 
wiesen- werden, dass im Oriente, namentlich in Indien und bei den 
Völkern am Ilimalaja sich die verschiedenen Jahrhunderte hin- 
durch die Kunst, Gewänder ohne Naht aus einem Stücke zu 
weben, fortwährend erhalten hat. So fanden wir in verschiedenen 
grössern Museen Europas solche vollständigen, aus einem Stücke 
gewebten Gewänder vor. Auch auf den letzten grossen Welt- 
ausstellungen zu London und Paris sahen wir mehrere solcher, 
äusserst kunstvoll gewebter Leibröcke, die zum Belege dienen 
können, dass in den fernen Ländern am Indus und Ganges bis 
zur Stunde noch die im Occidente seit Jahrhunderten unbekannt 
gewordene Kunst sich erhalten hat, verschiedenartige Bekleidungs- 
gegenstände aus einem Stücke auf dem Webstu-hle, ohne Hmzu- 
that der Nadel, anzufertigen. 
In derselben WVeise, wie der oben veranschaulichten Zeich- 
nung zufolge, die „tunica byssina" des Hohenpriesters und der 
Opferpriester ohne Naht angefertigt werden konnte, so leuchtet, 
es ein, dass mit denselben technischen Vorkehrungen auf demsel- 
Ciampini, Musiva opera Sacrarum 
c. 13. fol. 103, 104, 105. 
profanarumque 
aedium 
structura, 
pars I-
        

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