Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-5959
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Granatäpfelchen scheint technisch so beschaifen gewesen zu sein, 
dass dieselben nach unten nicht offen und hohl gewirkt, sondern 
rundlich geschlossen Waren. Mit Ornamenten von solcher Beschaf- 
fenheit und in dreifach verschiedener Farbe wechselten, wie wir 
eben vernehmen, allemal ab kleinere Glöckchen oder Schellchen. 
Wie waren formell diese Jintinnabula." an dem hohenpriesterlichen 
Gewande beschaffen? Jüdische Gelehrte unterlassen es nicht, die- 
selben mit der ihnen eigenthümlichen Breite zu beschreiben. Sie be- 
standen in rundlich länglicher Form aus zwei Theilen, nämlich aus 
einem Schellchen in runder Form und aus einem kleinen Klüpfel, 
den sie "lingua, maleolus" 1) nennen. Dieselben waren nicht rund 
geschlossen, sondern hatten nach unten eine breite Rundüflnung, an 
welche das freihängende Hammerchen bei der leisesten Bewe- 
gung anschlug. Der Gebrauch statt der Fransen solche Schell- 
chen an den Gewändern zu tragen, rührt aus dem höchsten Al- 
terthume her, wie das ein älterer Schriftsteller mit vieler Bele- 
scnheit nachweiset, der ein eigenes Werk übgr den Gebrauch 
solche Glöckchen an  den Gewändern zu tragen, geschrie- 
ben hat. 2) Auch lesen wir bei altern Autoren, dass die persi- 
schen Könige solche Schellen-Ornamente an den reichern Ober- 
gewandern zu tragen pflegten. Dieser Gebrauch, kleinere, meist 
silbervcrgoldete Glöckchen sowohl an Profan- als liturgischen 
Gewändern zu tragen, erhielt sich das ganze Mittelalter hin- 
durch bis zum Schlusse des XV. Jahrhundertsß) Ueber die 
Grössc und die Zahl der "tintinnabula" und der „mal0grana- 
ms, die den untern Rand des Palliums in seiner Ganzheit 
schmückten, lässt sich nicht leicht etwas Bestimmtes feststellen, 
da in diesem Punkte die Ansichten der Talmudisten und Rabbiner 
1) Von welcher Art das Gold im Alterthum gewesen sei, das man zum Ans- 
Staiien der Priesierlißhßn Gewänder benutzte resp. wie die ,iü1e euren" bear- 
beitet wurüell, Womit die phrygiaehen Arbeiten in der vorchristlichen Zeit 
angefertigt wurden, davon werden wir nähere Details beibringen bei Gele- 
genheit, wo wir (1011 Webstuhl genauer beschreiben werden. 
1) Vgl, C1_ Magius de Jintinnabnlis".  
3) Heute bewahrt man noch im Domschatze zu Aachen eine äusserst merk- 
würdige Plnviale des XIII. Jahrhunderts, die an ihrem äussern Rande statt 
der Fransen mit 100 Silbernen Sehcllchen verziert ist; dieselben entbehren 
jedoch eines kleinen Klöpfels und verbreiten bloss dadurch einen angeneh- 
men Klang, dass sie bei der geringsten Bewegung gegenseitig an einan- 
der schlagen. Auch werden in demselben Schatze noch zwei andere Plu- 
viale in iigurirtem Rothsammet auibewahrt, die, herrührend selben aus dem 
Schlusse des XV. Jahrhunderts, noch mit solchen silbernen Schellchen als 
wohlklingende "fimbriae" umrandet sind.
        

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