Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-5067
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Faltenwurf durch schwere Stickereien nicht zu sehr gehindert wurde. 
Der Gewandstoff kam an den mittelalterlichen Ürnaten mehr zur 
Geltung und die Stickerei war noch nicht zur Hauptsache ge- 
worden. Der neu aufgekommene Styl jedoch liess an den pric- 
sterlichen Gewändern die Stickerei zur Hauptsache werden, und 
verkürzte dermaassen das Stoiiliche der verschiedenen Paramente, 
dass namentlich an der Casel nur zwei Flächen übrig blieben, 
die, an der vordern Hälfte bequem ausgerundct, die brillanten 
Stickereien des Stabes und des Kreuzes nur eben als Einfassung 
umgeben sollten. 
Die Nadelmalereien, die jetzt zu sehr auf Effect für's Auge 
und auf eine Fernsicht berechnet wurden, traten nun in der 
Renaissance, sehr anmaassend, in grossen Dessins auf, die mit 
dem engen, ärmlich zugeschnittenen Gewande nicht mehr in Pro- 
portion stehen wollten. Um einen "effet magnifique" in der 
Stickerei zu erzielen, nahm man zu Schluss der Renaissance- 
Epoche und besonders in der spätern Zopfzeit seine Zuflucht 
zu Unterlagen und Ausfüllungen, damit die Goldstickerei desto 
kräftiger hervortrete. Der Plattstich, ehemals bei figuralen 
Scenen angewandt, verliert sich in der Renaissance immer 
mehr und mehr und eine verworrene, ungeordnete Blumen- 
stickerei in naturalistiseher AuHassung und mit einem Aufwande 
von schillernden Regenbogeniarben kommt insbesondere gegen 
Schluss des XVII. und vollends im XVIII. Jahrhundert bei 
liturgischen Nadelmalereien zu allgemeiner Geltung. An eine 
kirchliche, symbolisch gehaltene Composition wurde im XVII. 
und XVIII. Jahrhundert, da der Geistliche bei der Wahl und 
Angabe der Muster nicht mehr thätig eingriff, und auch die 
Klöster diesen im Mittelalter ihnen vorzugsweise zuständigen Kunst- 
zweig aus Händen gegeben hatten, selten mehr gedacht. So kam es 
denn, dass die kirchliche Stickkunst fast ausschliesslich in der Hand 
von unkundigen Fabrikanten und Paramentenhändlern in den zwei 
letzten Jahrhunderten der Art ausartete, dass in der Composi- 
tion eine monotone Guirlande mit Häufung von vielfarbigem 
Blumenwerk, so wie die Anwendung von Blumen- und Frucht- 
kürbchen, von Füllhürnern stereotype Anhaltspunkte und Vor- 
lagen für kirchliche Stickereien wurden. Nur hin und wieder 
werden noch als vereinzelte Erscheinungen bei dem allgemeinen 
Ruine, worin die Stickerei sich befand, einzelne grüssere Or- 
nate in Plattstieh mit bildlichen Darstellungen, deren Zeichnungen 
jedoch schon sehr schwülstig und manirirt geworden sind von Klo- 
sterfrauen in stiller Zurückgezogenheit geübt. Hierhin ist be-
        

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