Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters oder Entstehung und Entwicklung der kirchlichen Ornate und Paramente in Rücksicht auf Stoff, Gewebe, Farbe, Zeichnung, Schnitt und rituelle Bedeutung nachgewiesen und durch zahlreiche Abbildungen erläutert
Person:
Bock, Franz Müller, Georg
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-932
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-5034
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auf dem religiösen Gebiete hier der Bruch mit den dogmatischen 
Grundlehren und Anschauungen der alten Kirche offen statt- 
gefunden hatte. Erst gegen Mitte des XVI. Jahrhunderts hatte 
die Renaissance mit ihren neuen Gestaltungen bereits auf allen 
Gebieten der bildenden Kunst sich geltend zu machen gewusst 
und war insbesondere um diese Zeit auf dem Felde der kirch- 
lichen Stickkunst vollständig zur Herrschaft gelangt. Namentlich 
trugen die Haute-lissc-Manufacturen zu Arras, die um diese Zeit 
ihre Muster und Vorbilder von den angestaunten Malern Italiens 
und deren Schülern bezogen, viel dazu bei, dass für kirchliche We- 
bereien und Stickereien die Forlnbildungen des neu belebten 
griechisch-römischen Styles in Kirchen und Palästen überall Ein- 
gang und gute Aufnahme fanden. Wir könnten hier nach vielen 
gehabten Anschauungen eine Menge von Kirchen anführen, die 
noch heute im Besitze von prachtvollen Kunststickereien aus der 
vorliegenden Uebergangsperiode der kirchlichen Nadelrnalerei sich 
befinden, an welchen die reiche, äusserst delicate Technik deut- 
lieh bekundet, dass den Kunststickern der beginnenden Renaissance 
noch jene staunenswerthe manuelle Fertigkeit als Erbtheil über- 
kommen war, vermöge deren es den Kunst- und Bildstickern der 
ehemaligen burgundisch-tlandrischen Schule möglich war, solche 
Nadelmalereien hervorzubringen, wie wir selbige an den hervor- 
ragendsten Meisterwerken kirchlicher Stickkunst des Mittelalters, 
den Toison-dbr-Geivändern, von denen im Vorhergehenden Rede 
war, nicht genug bewundern können. WVenn nun auch an diesen 
reichen Goldstickereien von Arras zu kirchlichen Ornaten die 
Technik noch lange Zeit hindurch eine in jeder Beziehung vor- 
zügliche blieb, so war jedoch aus den Compositionen, den Zeich- 
nungen, die diesen Bildwerken zu Grunde gelegt wurden, der 
kirchliche Geist und der hierarchische Typus zugleich mit dem 
Aufhören der alten traditionellen Formen vollständig gewichen. 
Nachdem mit Raffael und vollends aber mit dem spätern Rubens 
der Naturalismus in_der Kunst auf den Thron gehoben worden war 
und von jetzt ab das natürlich Schöne als das höchste Ziel galt; da 
verschwanden auch seit dieser Zeit in der Stickkunst jene ideal ge- 
haltenen Gestalten von ascetischen Heiligen, wie sie mit grosser Ge- 
fühlstiefe und Innigkeit die mittelalterliche Stickerei in kirchlichen 
Ornaten als Nadelrnalereien darzustellen gewusst hatte. Auch das 
Pflanzen-Ornament, das in den kirchlichen Stickereien in der be- 
ginnenden Renaissance zur Anwendung gekommen ist, verräth 
nicht mehr jene Freiheit und Bildungsfähigkeit innerhalb der 
durch den Zeitgeschmack allgemein gültigen Schranken, die
        

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